Atikokan-Kenora

Atikokan, Donnerstag, 22.06. – Freitag, 23.06. 2017 –
Kenora, Samstag, 24.06.
Locator : EN29SS
GPS: 49.770 Nord, 94.492 West

Vorweg: Korona, Trans Canada Hwy 17 heute, am Samstag, Wendepunkt unserer Fahrtrichtung von West nach Ost, dann später in Quebec Richtung Labrador bis nach Goose Bay zu unserer gebuchten Kreuzfahrt durch die Fjords zu den Inuitdörfer…zwar erst im August, von hier ca. 3200 km!

Der Sommer macht mal wieder eine Sommerpause, Temperaturabsturz auf 7 Grad in der Nacht, vormittags dann so um die 12 Grad und Dauerregen.

Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag haben wir am größten Wasserfall der sogenannten Kategorie „KLEINE WASSERFÄLLE“ verbracht. Der Ort Atikokan, am Rande des Quetico-Provincial Park, wird als das Zentrum des kanadischen Kanusports herausgestellt. Die unzähligen Lakes im Naturschutzpark sind oder waren (?) das Eldorado der kanadischen Paddler.

Wir erleben immer wieder Orte, die ihre Blütezeit hinter sich haben. So auch Atikokan, die Anzahl der Schrottautos, der schlechte Zustand einer dominanten Anzahl von Häusern, die vergammelnden Hinweisschilder auf vergangene Events, selbst die Ehrentafel der großen Paddler aus diesem Ort mit großem nationalen Ruf, zeigen, dass der Schwung raus ist und der Ort langsam verarmt. Große Restaurants stehen leer, die McDonalds, Burger Kings, Subways bestimmen das Straßenbild. Für eine geringe Anzahl noch wohlbetuchter Bürger gibt es am Rande des Ortes einen super gepflegten Golfplatz…was für ein Gegensatz. Der Glanz alter Zeiten vergilbt. Offensichtlich gibt’s auch hier eine Landflucht. Traurig, einfach traurig.

Wir ziehen weiter und finden Orte mit stärkerer wirtschaftlicher Prosperität. Die kommunalen Flächen sind gepflegt, die Marina gut mit komfortablen Booten bestückt. Bis zu 10 Wasserflugzeuge liegen bereit für den morgendlichen Pendlerflug zur Arbeitsstätte oder für Touristen. Sie sind angebunden an den Stegs in der Marina. Solche Orte leben, sind attraktiv für die Bürger und Touristen. Unvorstellbare Kontraste auf wenigen 100km. Dabei sind die natürlichen Attraktionen, wie wunderschöne Lakes und Trails, überall vorhanden.

Vergleichbare Beobachtungen konnten wir schon in New Brunswick machen. Herumfliegender Müll, Schrotthaufen, rostende Autowracks, verblichene Farben an den Häusern, ungepflegte Vorgärten, leerstehende und verfallende Holzhäuser sind Anzeichen von Armut und verlorengegangener Lebensenergie.

Möglicherweise haben die Menschen hier ihre Arbeit durch Umstrukturierungen in der Wirtschaft verloren. So habe ich das vor vielen Jahren auch in Dayton/Ohio beobachten können. Hauptmotor für die Beschäftigung war GM mit einem großen Industriekomplex. 1990, bei meinem ersten Besuch der HAMVention, einst die größte Messe mit Flohmarkt für uns Funker, ging der tägliche Weg von der Dayton -Messe zum Hotel durch wohlangelegte Wohngebiete, schick und gut gepflegt. 2012, nach der Lehmannkrise in 2008 und auch nach Schließung des GM-Werkes, glichen dieselben Vorstädte Geisterstädten – ghost-cities. Zugenagelte Fenster und Türen, überall liest man „To Sale“. Die ersten Dächer dieser Papphäuser sind schon eingefallen….null Marktwert noch! Und die Banken verwalten und kassieren aus den Hypothekenverträgen!

Erschreckende Bilder, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Diese Häuschen waren die Rentenversicherung der Besitzer, angelockt mit Nulleigenkapital und niedrigen Zinsen, sowie der anscheinend sicheren Arbeitsplätze bei GM, verloren diese irregeführten Menschen alles und jetzt mit Schulden am Hals, die sie nie werden abzahlen können.

Wer auch immer bei uns auf unsere sozialen Sicherungssysteme schimpft, werfe mal einen Blick über den Tellerrand. Riesige wirtschaftliche Umstrukturierungen werden bei uns mit unseren Versicherungssystemen und Investitionen sozialverträglich relativ gut bewältigt. Auch bei uns treten Ungerechtigkeiten auf, die habe ich in meinem früheren beruflichen Tun, auch kennengelernt. Hier in Nordamerika aber sind ganze Bevölkerungsgruppen benachteiligt und haben, mangels Gesetzgebung, kein Klagerecht.

Hier in Kanada gibt es eine Krankenversicherung, die recht gut erscheint, vor allem für die breite Masse der Bevölkerung.

Obamacare wird von Trump in den USA radikal abgebaut. Gerade chronisch Kranke können nicht mehr ihren Medikamentenbedarf oder die häusliche Pflege bezahlen. Trump haut drauf, damit die Reichen immer reicher werden, damit das Volksvermögen noch schneller von unten nach oben verlagert werden kann. Die ärmeren Bevölkerungsschichten, die ihn gewählt haben, werden ein weiteres Mal betrogen. Wann hat das endlich ein Ende?

Meine Hoffnung ist, dass zumindest bei uns die Parolen der Populisten in den kommenden Monaten weniger Anklang finden.

Bei einem Besuch einer kanadischen Familie hat uns der Gastgeber, ein Journalist, gesagt, dass wir stolz auf unsere Kanzlerin sein dürfen, denn sie tue nicht nur Gutes für unser Land, für die EU, sondern für die Welt insgesamt. Wie oft konnten wir schon ähnliches in dieser Zeit hier hören. Unsere Reputation als Nation ist nicht nur abhängig von unserer Automobilindustrie, sondern auch von der Politik, die auf die großen Fragen unseres Jahrhunderts scheinbar die richtigen Antworten sucht.

Der Blick von draußen relativiert die kleinen täglichen, parteipolitischen Scharmützel.
Bestimmte Großmäuler darf man einfach nicht ernst nehmen!

Was hat das alles mit Kanada zu tun?

Unsere Reisen sind immer Bildungsreisen, wo wir mit offenen Ohren und Augen das Staunen über die wunderbare Natur jeden Tag genießen; wo wir mit den Menschen in Kontakt treten und nicht von einer touristischen Attraktion zur anderen fliehen.

Der allgemeine Tourismus ist auf Masse, Umsatz und Aktionismus angelegt. Wir folgen nicht den Touristenströmen, die den vorangehenden Führern mit Fähnchen am Stab hinterherlaufen und mit dem Smartphone, befestigt am Selfiestab, pausenlos alles festhalten…was dann doch nie aufgearbeitet und verarbeitet wird.

Renate macht Videos mit ihren Schwerpunktthemen; ich schreibe diesen Blog als eine Art Tagebuch für mich. Freue mich immer wieder, dass inzwischen viele Leser unsere Reise verfolgen und freue mich besonders über erstaunlich nette Rückmeldungen…tut schon gut…eigentlich ist der Blog ursprünglich doch nur für meine Familie, Freunde und engeren Funkfreunde gedacht.

Auf meiner für Freunde angelegten Facebook-Seite (Norbert Meyer) poste ich zwischendurch immer wieder schöne Schnappschüsse. Wer will, kann sich dort als „Freund“ anmelden, was ich bestätigen darf…!

Korona
Locator : EN29SS
GPS: 49.770 Nord, 94.492 West

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