Auf der „Northern Ranger“: Vierter Tag, Donnerstag 31.08.

Über das Gästebuch meiner Webseite ist es gelungen, an Günter, dem Webmaster, meine Blogentwürfe hier vom Schiff aus zu schicken. Warum meine Webseite von dem Internetserver, der ansonsten alles blockiert, durchgelassen wird, verstehe ich nicht. Fotos habe ich bisher nicht in das Gästebuch kopieren können.
Das Wetter ist umgeschlagen, die bis gestern ruhige Labrador Sea bildet kräftige Schaumkämme bei inzwischen kräftigen Wellengang. Einige unserer Passagiere leiden unter Seekrankheit und haben sich still in ihre Kabinen zurückgezogen.

Nun zum heutigen Blog:

Um 5 Uhr  früh weckt uns die Lautsprecherdurchsage, dass in 30 Minuten im nächsten Hafen Passagiere und Fracht „umgeladen“ werden. Am Seegang merke ich, dass das gute, ruhige Wetter vorbei ist.

Nee…da will ich nicht aufs Deck und penne weiter. Beim letzten Anleger kurz vor Mitternacht gab es ein kleines Familiendrama. Drei pubertierende Mädchen, die gerade an Bord gekommen waren, wurden kurz vor dem Ablegen von der wütenden Mutter wieder von Bord geholt…offensichtlich wollten sie eigene Wege ohne „fröhliche“ Zustimmung der Familie gehen.

Na, wie im richtigen Leben.

Ein anderes, fast tödlich endendes Drama, erlebt Renate von der oberen Reling aus, als einem Jugendlichen zwei 20-$-Scheine durch eine Windböe über den Hafenkai ins Wasser flogen. Ein anderer Junge sprang beherzt in voller Montur ins Wasser, um die Scheine zu retten…jedoch paddelte er so unbeholfen wie ein Nichtschwimmer und wäre fast ertrunken. Die Menge rief aufgeregt „Paddel, keep paddling“ und man konnte ihn noch soeben retten.
In Nain, dem nördlichsten und größten Dorf mit 1170 Einwohnern, einem kleinen Flugplatz und vielen Pickups, Quads und staubigen Gravelroads, haben wir einen etwas längeren Aufenthalt.
In einer recht großen Kirche ist gerade eine Messe, die kleinen Glocken rufen zum Gottesdienst …mitten in der Woche? Später erfahren wir warum.
Eine Beerdigung eines 32jährigen jungen Mannes, der vor wenigen Tagen einem Herzinfarkt erlegen war, rief viele Menschen zusammen. Dieser Tod hat das ganze Dorf tief erschüttert. Deshalb waren auch alle Stores während der Beerdigung geschlossen. Eine lange Prozession ging hinter dem Sarg her, der von Jugendlichen getragen wurde. Die Trauer der Familienmitglieder hat mich tief berührt, es war für sie so unfassbar.
Die deutschen Missionare (Moravien Missionaries) hatten Nain 1771 gegründet und auch an dieser Stelle die erste Kirche gebaut.

Wir bekommen etwas vom sozialen Miteinander in diesen Communities mit.
Die Inuit haben viel, eigentlich vielzuviel, von unserer westlichen Kultur übernommen.
Es besteht zwar ein striktes Alkoholverbot und trotz drastischer Strafandrohungen wird dagegen verstoßen.

Die hohe Anzahl von übergewichtigen Menschen, die wir auch bei den Kanadiern und den US-Bürgern erleben, zeugt von dem maßlosen Verzehr von Chips,Fries „Pommes“, und zuckerhaltigen Getränken.
Selbst die Kleinkinder werden damit vollgestopft. Entsprechend sehen die Zähne auch vieler Kinder und Jugendlicher aus.
Wir, Renate und ich, kennen das auch schon von unseren Besuchen bei den australischen Aboriginal- und den First Nation ( Indianer) Communites in südlichen Teilen von Kanada.

Unseren Aufenthalt in Nain nutzen wir und gehen zum nächsten Supermarkt, der erst nach dem Funeral (Beerdigung) öffnet.
Die Dorfstraßen entlangzugehen, ist eine Zumutung, denn das Befahren der Gravelroads mit den rasenden Pickups, Quads oder Mopeds verursacht riesige Staubwolken, durch die wir geradezu eingehüllt werden. Man hat offensichtlich Spaß daran, die kurze Strecken mit Vollgas zu durchrasen.
Auch zieht Renate wieder die Black Flies, die kleinen, beißenden Fliegen auf sich. Auf die Bisse reagiert sie allergisch und unangenehme Schwellungen sind die Folge. Mich mögen diese Black Flies hier genauso wenig wie in Australien. Glück gehabt!

Im Supermarkt sind wieder die langen Regale vollgestopft mit allen Sorten von Chipstüten, in der nächsten Reihe dann nur Süßgetränke von Coca-Cola und den popfarbigen Plastikflaschen mit den Dickmachern drin. Die Warenkörbe werden damit gefüllt..unbelievable pflegen wir zu sagen.
Wir können dies nur beobachten, vor allem tun uns die Babies und Kleinkinder leid, die damit hochgepäppelt werden.
Renate kann ihre Wut darüber kaum unterdrücken.

Auch in dem Aufenthaltsraum auf der NorthernRanger, wo die meisten Inuit sich während der Schiffspassage aufhalten, werden pausenlos Chipstüten verzerrt…bösartig gesagt „gefressen“, das darf ich ja nicht sagen, ohne den Vorwurf, ein Rassist zu sein, zu bekommen. Aber auch viele der „Weißen“, die Zugereisten aus unseren Breitengraden, haben das gleiche „Fressverhalten“.
Wir fassen es nicht, diese Kontraste zwischen den superdünnen Modells in den Werbesendungen und der watschelnden Realität auf den Straßen zu beobachten. Unsere subjektive Wahrnehmung ist die, dass der Anteil übergewichtiger Menschen aller Generationen hier in Nordamerika signifikant höher ist, als bei uns in Deutschland.

Wir können diese Welt nicht retten, denn da steckt eine riesige und mächtige Zuckerindustrie dahinter, denen durch ihre Lobbyisten – wie schon bei der Zigaretten- und Waffenmafia – es bisher weltweit gelungen ist, den Zuckerverbrauch nicht gesetzlich zu stoppen.
Auch das weiß man ja alles als belesener Zeitungsleser. Aber es zu erleben, ist ebenso  einprägender, wie die hier schon in Nordamerika viel stärker wirkenden Effekte des Klimawandels zu sehen. Die Gletscherschmelze, die  Überflutungen hautnah zu sehen und die riesigen Brandherde in British Columbia, Manitoba oder Saskatchewan zu riechen und die riesigen Rauchwolken zu sehen, ist schon für unsere Wahrnehmung deutlich erschreckender.

Jetzt, heute am 31.08. , das zeigen gerade die Nachrichten, stehen noch größere Flächen in Manitoba und anderen Provinzen in Flammen. Eine Hitzewelle beschleunigt diese Brandherde. Tausende Bewohner müssen momentan evakuiert werden.
Wir sehen auch die verheerenden Auswirkungen des letzten Hurricane in Houston, Texas. Überschwemmungen ohne Ende.
Jedoch folgt man in großen Bevölkerungsgruppen immer noch den Trumpschen  „We make Amerika Great Again“ – Parolen und „there is no climate change“.

Was muss denn noch alles passieren?

Letzte wissenschaftliche Untersuchungen über die wirkliche Situation des Klimawandels in Nordamerika werden vom Weißen Haus unterdrückt und als Fake News abgetan.
Wir waren während unserer Kanadatour in British Columbia, als dort die ersten Wildfire im Juli ausbrachen.
Doch jetzt könnten wir uns dort kaum noch durchwagen…haben wir nur Glück gehabt?…wir sind froh, dass wir jetzt hier hoch im Norden sind. Weit weg von den Naturkatastrophen in Kanada und in Texas.

Inzwischen sind wir in Postville angekommen. Dort haben wir vorgestern die selbstgekochte Marmelade gekauft, die wir schon verzehrt haben. Der Nachschub ist tatsächlich gelungen, somit müssen wir nicht auf das für uns so unappetitliche „English Breakfast“ ausweichen.
Die Produzentin war happy, als ich ihre Marmelade lobte. Der Wind ist heute allerdings so kalt und scharf, dass wir es draußen nicht lange ausgehalten haben. Noch ein freundlicher Smalltalk und schnell wieder über die Gangway zurück auf die NorthernRanger.

Wir haben eine Sesselreihe im Aufenthaltsraum für uns belegt, die am Ende zwei Steckdosen für unsere Ladegeräte anbietet. Somit können wir unsere Elektronik laden und unsere Berichte, Blogs oder Renate an ihren Drehbüchern arbeiten.
Die freundlichen Inuit Familien, die in Postville zugestiegen sind, verteilen sich im Raum mit ihren Kinderscharen. Die laute Hektik auf der Hinfahrt ist den friedlichen und spielenden Kids gewichen. Die Geburtenrate müsste in diesen Dörfern die Sterberate deutlich übersteigen, zumal wir kaum Menschen oberhalb der Fünfziger sehen…Das ist bestimmt nur eine sehr subjektive Wahrnehmung. Denn diese Altersgruppe gehört sicherlich um dieses Tageszeit zur arbeitenden Bevölkerung.
Die niedrigen Temperaturen und der kalte Wind lassen einen Aufenthalt auf den oberen Decks für uns kaum zu.

Gerade zeigen die Nachrichten, dass riesige Flächen in Manitoba, und noch immer in British Columbia und Saskatchewan unter Wildfire leiden. Eine Hitzewelle beschleunigt diese Brandherde. Tausende Bewohner müssen momentan evakuiert werden.

Ein weiterer Stop ist am Nachmittag im Inuit Dorf Makkovit.  Auf dem Kai stehen mehrere brand new  Quads und ein nagelneuer Snowboard zur Verschiffung bereit. Diese müßten dann ja hier produziert werden? Das möchte ich irgendwie noch erfahren. Somit gäbe es ja auch Arbeitsplätze und eine wirtschaftliche Basis in diesen Dörfern. Irgendwie kann ich es noch nicht glauben.
Aber, sie stimmt meine Vermutung. Ich spreche den Kapitän und einige Inuit an, die uns bestätigen, dass diese Quads und Snowboards hier in Makkovik produziert werden. Es sind genau die Männer, die wir bisher kaum gesehen haben. Sie haben Jobs in diesen Produktionen.

Das heutige Wetter, Nieselregen und um die 7 bis 10 Grad, scheinen für diese Jahreszeit normal zu sein. Das für uns so schöne und warme Wetter der letzten drei Tage, war sehr ungewöhnlich, den Einheimischen war es zu heiß. Sie lieben das kalte Winterwetter, den Schnee und das Eis und laden uns ein, diese Jahreszeit einmal hier zu erleben.
Eisbären, die Polarbären, gibt es nördlich von Nain, erfahre ich. Auch das wird uns auf der Webseite der Reederei anders und nebulös vorgegaukelt, ebenso, dass man sie als auch Wale usw. während der Schiffsreise sehen würde.

Wie schon erwähnt, es ist kein Touristentrip, dennoch haben wir viel gesehen und erleben viel von einer völlig anderen Kultur.

Angetan sind wir von dem liebevollen Miteinander der Inuit über die Generationen hinweg. Bis auf einen pubertären Ausreißer erleben wir keine Aggressionen untereinander. Junge Mütter werden mit ihren Babies von vielen Mitgliedern der Community unterstützt, der große Kindersegen bewirkt keine Ausgrenzungen, wie wir das leider bei uns zu oft erleben. Auch der respektvolle und normale Umgang mit Behinderten zeigt, dass es keine Tabus im Umgang mit ihnen  gibt. Eine schwerstbehinderte junge Frau und Mutter im Rollstuhl ist voll integriert. Es ist wirklich rührend zu sehen, wie sie miteinander umgehen Und ich spüre, welches Selbstbewusstsein diese junge Frau ausstrahlt und auch mit uns in Kontakt kommt.
Somit bekommt diese Reise noch einen völlig anderen Charakter. Jetzt können wir uns auch in diesem anfänglich etwas abstoßenden „Heerlager“ unbeschwert zwischen dieser Bevölkerungsgruppe bewegen. Unsere ständigen Übertragungen unserer Kultur auf diese Inuit-Kultur ist schon sehr arrogant, gestehen wir uns jetzt ein.

Die von liebevollen Respekt geprägte Kultur dieser Großfamilien untereinander hat etwas, was in unserer westlichen, vielfach auf Ruhm, Geltungsbedürfnis und Ehre geprägten Individualismus, verloren gegangen ist.

Norbert und Renate

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