Cape Sable, Atlantic Canada´s most southerly Point of North-America

Cape Sable, Atlantic Canada´s most southerly Point of   North-America,
den 8. Oktober 2017
Von Renate Neuber

Schaumkronen tanzen auf den Wellen und lassen sich von dem aus Süden stramm fegenden Wind an Land schieben. Die Sonne scheint vom leicht bewölkten Himmel und wärmt mit 17 Grad. Dabei ist noch fast früher Morgen. Wir haben 9.30 Uhr.
Das ist normalerweise nicht die Zeit, zu der ich am Laptop sitze und schreibe. Üblicherweise schnurren unsere Autos dann bereits seit einer halben Stunden auf der Straße.
Heute nicht. Heute würde zumindest mein Auto nicht so wirklich schnurren, denn Dank meiner Dummheit, sprang mich gestern abend, wenige hundert Meter vor unserem Ziel Cape Sable, die rote Öllampe im Display meines Autos bedrohlich blinkend an.
Das ist deswegen ganz besonders großartig, weil wir gestern Samstag hatten, heute Sonntag, und es ist nicht davon auszugehen, dass Werkstätten offen haben. Einkaufen kann man immer. Öl gäbe es bestimmt auch, und damit wäre das Schlimmste behoben, aber lieber wäre mir ein Ölwechsel. Die nächste Stadt liegt – egal, ob ich nur Öl kaufen will oder einen Ölwechsel vornehmen lasse – 22 Kilometer weg von hier. Mit meinem roten Ölkannen-Blinklicht schaffe ich das hoffentlich noch.
Montag brauche ich auch auf keine offene Werkstatt zu hoffen. Denn da heute Thanksgiving ist, erhalten die Kanadier morgen diesen Feiertag sozusagen nachgeliefert. Also auch alles zu. Fast jedenfalls. Dem ersten Anschein nach ist hier immer alles offen. Egal, ob Werktag, Sonntag oder Feiertag.
Nun, wir werden sehen.
Es ist ja ganz nett, hier auf das Meer zu gucken, die vorgelagerten Inseln im hellen Sonnenschein fast weiß zu erkennen und ganz allmählich die einsetzende Ebbe zu beobachten, aber Bäume gibt es hier nicht. Vor allem keine Laubbäume. Und das ist ganz besonders schade, denn wir haben Indian Summer.
Jeder kennt Bilder von der bunten Naturherrlichkeit, in sich Kanadas Wälder alljährlich verwandeln. Und jeder ist beeindruckt und denkt sich: Das müsste man mal sehen.
Wir erleben es gerade. Und ich weiß jetzt: Keine Kamera und kein Fotograf der Welt kann das einfangen, was die Natur hier zaubert. Dabei haben wir das unglaubliche Glück, einen sonnigen Oktober zu erleben, und wir konnten schon die ersten roten Farbtupfer im grünen Wäldermeer auf Breton Island begrüßen.
Inzwischen leuchten die Laubwälder. Wenn ich genießend über wenig frequentierte Straßen zuckel und rechts und links diese Farbenpracht erlebe, habe ich das Gefühl, durch einen leuchtend bunten Dom zu fahren und komme mir dabei jämmerlich klein vor. Wenn die Sonne auf die gelben und vor allem tiefroten Blätter trifft, bringt sie dieses Rot geradezu zum explodierenden Leuchten.
Wenn immer es geht, bleibe ich stehen, um diese Herrlichkeit mit meiner Kamera einzufangen und oft genug lasse ich sie entmutigt sinken, denn ich stelle fest, dass ich es nicht kann. Kanadas Indian Summer lässt sich nicht in digitale Technik zwingen. Nicht von mir jedenfalls. Es wird immer nur ein lächerlicher Abklatsch.
Ich weiß nicht, woran es liegt. Da stehe ich an einem von der Sonne tiefblau wirkenden, wunderschönen See, drüben am anderen Ufer und rechts und links von mir säumen Gelb- und Rottöne aller nur denkbaren Nuancen dieses Dunkelblau des Wassers, dazwischen das Grün der Nadelbäume, über mir ein stahlblauer Himmel und ich stehe hilflos mit meiner Kamera da und weiß, dass ich das nicht einfangen kann.
Klar, ich versuche es, aber gleichzeitig weiß ich, dass die Aufnahmen nicht das widerspiegeln, was sich da wirklich vor meinen Augen abspielt.
Leider gibt es hier an dem Kap wie gesagt keine Bäume, so dass mir nur der Blick auf den Atlantik bleibt, wo bei Ebbe hunderte von Seevögel lautes Leben zeigen.
Ich hatte zu Hause immer davon geträumt, bei einer Kanutour auf dem Kejimkujik-Lake im gleichnamigen Nationalpark den Indian Summer zu erleben. –  Nicht aufgeben, man kann das aussprechen, aber nur nach langem Üben. Die Micmaw nennen den See so, und laut A.E.Johann heißt dies „dort, wo das Wasser schwillt“.
Nun, wir waren in dem Park, mussten dort auf einen Campingplatz mitten im Nadelwald, der kaum das Tageslicht durchließ, so dass ich nur bei künstlichem Licht lesen oder schreiben konnte. Für mich war das grauenhaft.
Als wir dann zu unserer Kanufahrt starteten, schien zwar eine freundliche Sonne, aber es pfiff ein unfreundlich starker Wind, so dass die quirligen, freundlichen jungen Damen der Kanu-Verleihstation uns dringend rieten, nicht auf den See hinauszufahren, sondern auf dem Mersey-River hinauf und wieder zurück.
Das machte sicherlich Sinn, denn sich bei starkem Wind auf einen, wenn auch mit zahllosen Inseln bestückten, großen See mit unserem Kanufahrertalent zu wagen, kann nur zu einem unerfreulich bis gefährlich-feuchtem Ergebnis führen.
Also rechts hoch zum und auf den Mersey-River. Aus welchen Gründen auch immer war der Indian Summer hier noch nicht ganz so weit wie woanders, so dass die meisten Bäume noch grün waren. Aber er ist romantisch, dieser Fluss, wenn er sich so mäandernd, zahlreiche kleine, feuchte, mit kurzem Gras bewachsene Inseln lassend, durch lichten und manchmal dunkleren Wald fließend von uns erobern lässt.
Nach etwa einer Kanustunde wurde er so flach, dass es kein Weiterkommen mehr für uns gab. Wir machten kehrt. Nun half uns die Strömung abwärts, und nach knapp zwei Stunden war die Herrlichkeit vorbei.
Wir waren entlang Nova Scotias Nordküste unterwegs mit dem Ziel Port Royal an der Bay of Foundy, am fruchtbaren Annapolis-Becken. Die frühen Franzosen noch unter Champlain hatten es Anfang des 18. Jahrhunderts als befestigten Pelzhandelsposten erbaut, die fleißigen Acadier legten Felder an oder betätigten sich als Fischer und alle hielten gute Akzeptanz und Partnerschaft mit den ortsansässigen Micmaws. Idyllisch, sozusagen. Diese Befestigung wurde in den 1930-er Jahren als Museum wieder aufgebaut.
Muss ich betonen, warum sie überhaupt zerstört worden war? Klar, meine Freunde, die Engländer, fielen klammheimlich und überraschend über diesen nicht besonders befestigten Pelzhandelsposten her, weil er an einer strategisch extrem günstigen Stelle lag. Ratz fatz wurde alles erschlagen, was keine englischen Laute von sich gab und „God save the King“ sang. Von Port Royal blieb nichts mehr übrig.
Die Engländer bauten nun, um diesen strategisch wichtigen Ort zu sichern, flott ein großes Fort, was den Franzosen nun so gar nicht in den Kram passte. Also wurde es angegriffen, von den Franzosen besetzt, wieder von den Engländern erobert…. Zehnmal wechselte dieses Fort Port Royal seinen Besitzer, 14 mal wurde es mal englisch, mal französisch belagert, bis es dann endgültig in englischen Besitz überging.
Der Zahn der Zeit hatte es dann verfallen lassen. Als Museum aufgebaut wurde aber, wie gesagt, dieser befestigte Pelzhandelsposten. Champlain hatte ja den Auftrag gehabt, sich dort festzusetzen, und ordentlich wie Franzosen sind, gab es zu dem Auftrag auch genaue Zeichnungen. Die gibt es heute noch. Und in diesem neu aufgebauten kleinen Port Royal gibt es genau wie vor knapp 300 Jahren keinen einzigen Nagel oder Schraube. Eine wirklich meisterhafte Arbeit. Und die Fahne, die dort weht, ist, wie ich auf meine Nachfrage hin erfuhr, die der damaligen französischen Handelsschifffahrt, wie sie dort auch vor 300 Jahren wehte. Nix von wegen herrlichem Militär.
Tja, und dann stand Lunenburg an der Südküste auf unserem Programm. Mit seiner Geschichte hatte ich mich intensiv beschäftigt, hat es doch tiefe deutsche Wurzeln. Nicht freiwillig. Wie auch, wo doch die Engländer meinten, über die Welt zu herrschen.
1749 hatten die Engländer mit dicken Versprechungen auf Land und Versorgung  deutsche Protestanten angeworben, um in Nova Scotia an der Bucht von Chebucto eine Stadt zu bauen. Halifax. Die von Cornwallis im Jahr zuvor mitgebrachten Engländer aus Londons Gossen hatten sich als wenig arbeitswillig und -fähig erweisen, so dass an einen erfolgreichen Bau einer Stadt, die noch in den Wald zu schlagen war, nicht länger geglaubt werden konnte.
Also dann doch lieber arbeitssame Deutsche, schließlich war der englische König auch Herzog von Hannover, auch einige Schweizer waren dabei. Aber bitte protestantisch!
Als drei Jahre später Halifax stand, vergaßen die Engländer ihre großmundigen Versprechen, die sie den Deutschen gegeben hatten, schleunigst. Statt ihnen das versprochene Land zur Feldwirtschaft zuzuweisen, nötigten sie sie auf Schiffe und deportierten sie weiter südlich, kippten sie dort an Land und forderten, dort eine zweite Stadt in den Wald zu schlagen. Ohne Unterstützung, ohne Lebensmittel oder vernünftiges Werkzeug überließen die Engländer die deutschen Familien ihrem Schicksal mit dem strengen Befehl, gefälligst die nächste Stadt zu bauen. Und weg waren sie.
Es waren die Akadier, die dort in weitem Umfeld schon seit 100 Jahren auf weit verstreuten Höfen lebten, die sich ihrer annahmen und verhinderten, dass die Deutschen verhungerten oder im ersten Winter bereits erfroren. Auch mit den Micmaws verstanden sie sich gut – so weit sie noch lebten, denn die Pest hatte sie um bis zu 90 % dezimiert.
Und dann bauten die Deutschen Lüneburg, errichteten Häuser und legten Straßen an, wie sie heute noch existieren. Und als alles fertig, kamen die Engländer, freuten sich, vertrieben die Deutschen und natürlich ganz besonders blutig und brutal die Acadier, so sie nicht rechtzeitig fliehen konnten, und ließen sich dort nieder.
Das ist englische Kolonialgeschichte, und nur so errichtet man ein Empire, auf das man heute noch stolz ist, auch wenn diese Inselfuzzies weit davon entfernt sind, heute auf der politischen Weltbühne noch ein Schwergewicht zu sein. Irgendetwas müssen sie wohl doch falsch gemacht haben.
Ich jedenfalls freute mich auf Lunenburg, freute mich darauf, den deutschen Ursprüngen zu folgen. Lunenburg ist heute Unesco-Weltkulturerbe. Dass die uralten Häuser von 1753 dort noch stehen würden, habe ich nicht erwartet. Dem war auch nicht so. Diese, in der freundlichen Oktobersonne mit ihren rot, blau, grün, gelb gestrichenen Häusern fast wie eine bunte Puppenstube wirkende, kleine Stadt, besteht nur aus Bauten des meist späten 19. Jahrhunderts.
Stutzig wurde ich erst, als ich mich auf dem, wie unsere Fremdenführerin mir versicherte, ältesten Friedhof der Stadt umsah. Ältester Friedhof??? Obwohl sehr groß, fand ich dort nicht einen einzigen Grabstein aus dem 18. Jahrhundert. Keinen mit deutscher Inschrift. Zynisch dachte ich, dass damals vor lauter Arbeitsfreude vielleicht kein einziger Deutscher gestorben sein könnte.
Ich merkte, wie mir der Kamm schwoll.
Auf Tafeln und Inschriften überall in der Stadt beginnt die Geschichte Lunenburgs erst im 19. Jahrhundert. Wut überkam mich, als ich irgendwo las, dass Lunenburg von Engländern und Franzosen erbaut worden sei. Franzosen! Was erlauben sich diese Engländer! Im 19. Jahrhundert hat kein Franzose der Welt für einen Engländer den Finger krumm gemacht – es sei denn am Abzug seines Gewehres! Seit fast 1000 Jahren haben sich diese Nationen mit kurzen Unterbrechungen wackliger Friedens- oder Waffenstillstandszeiten überall auf dieser Welt, egal wo sie aufeinanderstießen, die Köpfe eingeschlagen.
Und plötzlich haben sie Seite an Seite im 19. Jahrhundert, als sowohl in der alten als auch in der neuen Welt kompromissloser Krieg zwischen ihnen tobte, denn es ging um die Vorherrschaft im nördlichen Amerika, wo England gerade seine südlichen Kolonien an die Gründung der USA verloren hatte, und im Frieden von Paris gerade mal wieder ein mühsamer Frieden die Engländer hochleben ließ, gemeinsam eine Stadt gebaut? Das trauen die sich auf Tafeln zu schreiben? Die Franzosen als die Verlierer im gerade ausgehandelten Frieden von Paris helfen den Engländern partnerschaftlich, eine Stadt zu errichten! – Wie lächerlich ist das denn! Und niemand meckert.
Ja, es waren Franzosen beteiligt. Die Acadier. Und dafür sind sie totgeschlagen und deportiert worden. Aber das liest man nur in den Museen. Das gehört nicht auf öffentliche Tafeln inmitten eines Weltkulturerbes. Jedenfalls nicht, wenn Engländer die bluttriefenden Übeltäter sind.
Und die Deutschen? Wo waren die deutschen Ursprünge zu finden? A.E. Johann und Wolfgang Knabe, die sich so sehr mit diesem Teil der Geschichte Kanadas beschäftigt haben, waren in Kirchen- und Museenarchiven fündig geworden. – Nun, Wolfgang Knabe werde ich hoffentlich noch einmal wiedertreffen (er ist Archäologe und ein ehemaliger Mitschüler von mir) und dann werde ich ihn löchern.
Wir kamen, mit unseren Autos widerrechtlich auf dem Hafenparkplatz stehend, mit einigen Kanadiern, ausgewanderten Deutschen und Einheimischen, ins Gespräch. Von einer Frau erfuhr ich, dass es noch einen winzigen, älteren Friedhof gleich am Hafen gäbe.
Ich nichts wie hin. Dort fand ich zwar auch meist englische Grabsteine, aber dann doch meinen ersten und einzigen deutschen: „N. Baum, geboren in Deutschland, gestorben 1754.“ Also ziemlich gleich nach der Deportation von Halifax hier her. Ob er zerbrochen ist an diesem Unrecht? Oder einfach nur ein Arbeitsunfall? Alles ist möglich.
Und dann fand Norbert genau dort an diesem Friedhof eine Tafel, die einzige in Lunenburg, die auf den deutschen Ursprung dieser Stadt hinwies. – Und es verschlug mir die Sprache!
Da stand doch wahrhaftig, dass, nachdem die Deutschen 1749 Halifax errichtet hätten, sie 3 Jahre später hier her gekommen seien, um Lunenburg zu bauen.
Einfach so. Klar. Hatte in Halifax ja so viel Spaß gemacht, die Stadt in den Wald zu schlagen. Und um fit zu bleiben, haben sie, sobald sie in Halifax fertig waren, ihre neu gebauten Häuser verlassen, fröhlich pfeifend die Hemdsärmel aufgerollt, Kind und Frauen eingepackt, um irgendwo weiter südlich dem Wald die nächste Stadt abzuringen.
Für wie blöd halten die die Deutschen eigentlich! Es war keine Begründung zu lesen, warum die Deutschen Halifax verlassen haben. Jeder, der das liest, muss sicher sein, dass diese Leute nicht alle Tassen im Schrank gehabt haben können!
Aber der Gipfel kam erst noch, und dann wollte ich nur noch weg. Im Hafen fand ich letztlich noch einen Gedenkstein, der mich wirklich fast zum Erbrechen brachte.
Ich las mit wachsendem Entsetzen: „…welcoming visitors since 1753. Lunenburg is an UNESCO World Heritage Site, recognized as the best surviving example of a British planned colonial settlement in North America.“
Schlimm finde ich, dass sich diese hochnäsige, fast schon irrationale Arroganz der Engländer bis heute gehalten hat. Was tut sich da gerade auf dieser Insel der ausschließlich Glückseligen? Um weiterhin im Chor und mit internationalem Denken und in Zusammenarbeit mit anderen Nationen zu leben und zu überleben, ist sich dieses Volk der Selbstherrlichen auch heute noch zu fein.
Weg aus der EU ist die Devise. Nur so sind wir wirklich groß! Wir werden es der Welt und diesem Europa schon zeigen, wohin der Hase läuft. Die haben zu machen, was wir sagen. Schließlich sind wir Engländer. Wir hatten mal ein weltweites Empire, hatten überall auf der Welt Millionen Menschen totgeschlagen und sie ihrer Vergangenheit, Kultur und Identität beraubt. Nur so lässt sich die Welt regieren. Wir Engländer müssen es schließlich wissen. „We will make Britain great again!“ – Auch noch im 21. Jahrhundert. – Oh, wie sehr gönne ich ihnen den Schuss nach hinten!

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