New Foundland – Neu Fundland

Wir haben uns gewundert, als wir einige Kilometer hinter dem Hafen der Fähre nach St. Barbe einen der typischen Pickups mit aufgesetztem Caravan etwas quer in einer Zufahrt zu einem halb unter Wasser stehenden Parkplatz stehen sehen. Wir kommen gerade mal an diesem Wagen vorbei und finden für uns auch noch zwei Stellplätze für die Nacht.

Es ist schon dunkel und es regnet in Strömen. Ich sehe ein Ersatzrad vor dem Pickup gelehnt stehen. Also ein platter Reifen, denke ich. Morgens sehen wir die Camper aufgeregt telefonieren und steigen aus. Sie sprechen uns sofort freundlich an, zwei Amis aus South Carolina. Sie zeigen uns ihren Schaden. Was wir sehen, erschreckt uns total…ein Nightmare..ein Alptraum. Das hintere linke Rad hat sich einige 100 m zuvor von der Achse gelöst, hat die Plastikkarosserie des Radkastens durchschlagen, nachdem die Bolzen der Rad-Verschraubung abgebrochen waren.

Der Fahrer hatte offensichtlich richtig reagiert und nicht gebremst, sondern den Wagen auslaufen lassen. Er erklärte, dass er wenige Tage zuvor den Reifen in einer Werkstatt gewechselt hatte und die Radschrauben nicht ordnungsgemäß angeschraubt worden seien. Sein Dilemma passierte letzten Freitag. Andere
freundliche Fahrer haben ihm geholfen, den Wagen in dieser Einfahrt aufzubocken.

Die Werkstätten hatten Feierabend, und am Montag war in Kanada „ Labor Day“. Seine Telefonate waren am Dienstagmorgen endlich erfolgreich, und er konnte auf einen Abschleppwagen hoffen.

Wieder lobe ich unsere Auto-Hilfsdienste. Das Ehepaar ertrug ihre Situation mit Fassung, doch ihrem etwas älteren Neufundländer sah man den Schock noch an, und er wich nicht von der Seite seines Herrchens.

Wir fahren den Highway in Richtung Norden nach L’Anse aux Meadows, wo der rauhbeinige Wikinger Leif Erikson vor 1000 Jahren als erster Wikinger nordamerikanischen Boden betrat und sich mit seinen Leuten dort niederließ.

Renate hat sich auch mit diesen Sagen schon sehr früh beschäftigt und bei einem Klassentreffen vor einigen Wochen einen früheren Klassenkameraden, der heute Meeresarchäologe ist, ausführlich nach der Vorgehensweise der Archäologen befragen können.

Bei der Führung durch das ausgedehnte Außengelände des Visitor Centers hörten wir den Erklärungen des Mitarbeiters aufmerksam zu. Mit meinem mageren Hintergrundwissen verstand ich das ausgezeichnete Englisch relativ gut. Renate auch, sie lief mit ihrer Kamera herum, um gute Aufnahmen zu machen. Ihrem Gesicht sah ich einen fast schon ärgerlichen Ausdruck an, aber sie sagte und fragte nichts.

Wir gehen in die hervorragenden Nachbildungen der Wikinger-Hütten, in den viele Gebrauchsgegenstände, Werkzeuge, Musikinstrumente, Waffen, Webstühle aufgebaut sind. Zwei Frauen mit Stickereien und Flechtarbeiten in Wikingerkleidung vervollständigen das Bild eines Wikingeralltags. Ein anderer Wikinger erläutert den staunenden Zuhörern viele Details des Wikingerlebens.

Renate macht ihre Videoaufzeichnungen und lauscht diesen Erläuterungen. Auf dem langen Rückweg durch das Weideland mit Blick auf den Atlantik zerlegt sie mir im Detail, was für ein alter Unsinn den Besuchern dort erzählt wird. Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse sind bis hierher noch nicht durchgedrungen. Mir erscheint die dahinterliegende Logik ihres Wissens nachvollziehbar. Warum sie die Angestellten nicht ausgefragt und mit diesen Erkenntnissen konfrontiert hat, konnte ich auch nachvollziehen. Dazu gehört dann schon eine Kompetenz dieser speziellen Fachsprache, die auch sie nicht parat hat.

Nur ein kurzer Widerspruch, der selbst mir aufgeht: das alt-norwegische Wort „Vin“ wurde als Wein, das Land dazu als Weinland von diesen Führern übersetzt. Vielmehr bedeutet es Weideland, welches die Wikinger für ihr von Grönland mitgebrachtes Vieh, vor allem Schafe, suchten. Es wurde sogar behauptet, dass Rebstöcke für den Weinanbau aus Grönland mitgebracht wurden…Rebstöcke aus Grönland?.?..und das auf diesen Böden, die vielleicht 10 cm oberhalb der harten Felsen gut für Blaubeeren o.ä. Flachwurzlern gut sind.! Und bei diesem Klima!

Also, ich habe wieder einmal viel gelernt, viel gesehen und damit mein rudimentäres Wissen ergänzt. Das war der Besuch dort schon wert. Am meisten habe ich dann in der Diskussion mit Renate gelernt.

Auf der Weiterfahrt entdeckt Renate auf einer Wiese eine gewaltige Elchin, Moose, die wie angebunden zu ihr rüberschaut. Wir vermuten, da sie sich überhaupt nicht bewegt, dass es eine ausgestopfte Touristenattraktion sei, bis sie sich bewegt und den Blick von Renate abläßt und abdreht.

Wir fahren nach St. Anthony, 40 km südlich, um dort einzukaufen. Ein Ort mit 24000 Einwohnern, die vor allem in der kommerziellen Fischwirtschaft beschäftigt sind. 1992 wurden die Fangquoten für den Cod, dem Kabeljau, drastisch wegen des überfischten Atlantiks gekürzt. Viele Fischer verloren ihre Beschäftigungsgrundlage und wanderten ab. Dieser Ort verlor ein Drittel der Einwohner.

Die Kabeljaufischerei war hier in Kanada eine der größten Fischindustrie. Jetzt, nach 25 Jahren, würden sich die Fischbestände in diesen Gewässern langsam erholen, erfahren wir.

Die Stadt St. Anthony macht einen brillanten Eindruck bezüglich sozialer Infrastruktur. Handel, Krankenhaus, Werkstätten etc….und den von uns so „geliebten“ Fast Food Ketten!

Wir wechseln noch unsere leeren Gasflaschen, denn jetzt kommt die Zeit, in der wir die Heizung wieder öfter hochfahren müssen.

Im Hochland finden wir einen ruhigen Nachtplatz, zwar direkt an der Straße, jedoch ist in der Nacht kaum noch ein Auto in dieser menschenleeren Gegend unterwegs.

Am nächsten Morgen regnet es, unterwegs geht es in Schauern über, man kaum noch etwas von der bizarren Landschaft erkennen. Als wir einen schönen Platz direkt an der St. Lawrence Bay sehen, stoppen wir. Ein schönes Plätzchen und Renate schlägt mir vor, hier stehen zu bleiben und doch meine Antenne aufzubauen. Ein idealer Standort direkt am Salzwasser und genügend Haltepunkte für den Antennenmast und die Antennendrähte. Na, das muß sie mir nicht zweimal sagen!

Renate nimmt sich ihre Filme zur Bearbeitung vor, jedoch kann sie keinen Text der Videos aufsprechen. Das Trommeln der Regentropfen übertönt bzw. hinterlegt ihre Sprache. Aber es gibt für sie genügend Schnittbearbeitungen.

20m geht wieder, rufe auf 14018 Cq

20m geht wieder, rufe auf 14018 Cq

Ich baue meine Antenne auf und will mir die Signale auf den Kurzwellenbändern ansehen: Nur Rauschen, alle Bänder sind mausetot. Ich schaue mir die Cluster und Sonnenwerte an und erfahre auch von anderen Funkfreunden, dass es am 06.09. um 09:15 Weltzeit eine gewaltige Eruption, ein Flare, gegeben hat und damit der gesamten Kurzwellenfunk lahmgelegt wurde.

Wir überlegen, doch noch weiterzufahren. Aber ich bin neugierig, ob die Kurzwelle sich wieder erholt hat. In der Tat, es waren wieder Signale zu hören.

Kurzerhand starte ich einen „Allgemeinen Anruf an Alle“ und gebe meine Sendefrequenz zusätzlich über Facebook und Whatsap bekannt und, ja, ich bekam vor allem aus Europa und Deutschland zig Anrufe und kam kaum von der Station zum Wasserlassen weg!

Antenne, Station und Stromversorgung klappten stundenlang, bis auf einmal der Automatiktuner ausfiel.
Grund: Meine Bordbatterien waren schon fast auf 12Volt entleert, die Station lief nur noch deshalb, weil ich ein extra Netzteil für die Stromversorgung an meinem Wechselrichter angeschlossen habe. Es wurde Zeit, meinen kleinen Honda-Generator anzuschließen.

Damit geht es vorzüglich weiter. Ich bekomme überwiegend gute Signalrapporte, es rufen mich viele alte Freunde an. Darüber freut sich mein Funkerherz !

Das Pileup wurde immer stärker, leider konnte ich einige, relativ schwache Stationen nicht aufnehmen, sorry.
Vielen Dank für die vielen Anrufe.

Morgen, am Donnerstag, ziehen wir erst einmal weiter, in der Hoffnung, dass der Regen wieder aufhört und wir die Landschaft und die Küste genießen können.

GPS: 50 Grad 52’ 26“ Nord 56 Grad 59’ 35“ West

Wir sind jetzt über 27 000 km gefahren, wir werden noch knapp 3 Wochen hier in Neufundland und dann mit der Fähre rüber nach Nova Cotia, Halifax, übersetzen. Dort freuen wir uns auf den farbigen Indian Summer bis wir am 20. Oktober unsere Wohnmobile zur Verschiffung im Hafen von Halifax nach Antwerpen abgeben werden.

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