Roberval am Lac St John, Québec

Roberval am Lac St John, Québec,
Samstag, den 19. August 2017
von Renate Neuber

Eigentlich… eigentlich wollten wir schon am St. Lawrence sein. Nun stehen wir noch immer hier in der Marina in Roberval. Geplant war das nicht, aber ich bin völlig fertig und würde am liebsten den ganzen Tag schlafen, was natürlich nicht funktioniert. Auf jeden Fall bleiben wir heute hier. Machen eine dringend benötigte Pause.
In den letzten 12 Tagen sind wir 5624 Kilometer gefahren. Das hört sich bei einem Tagesschnitt von 469 km zunächst nicht so umwerfend viel an.
Seit wir am 28.6. auf dem Campground in Pakwash/Ontario beschlossen haben, doch die ganze Tour bis Vancouver und hinauf nach Alaska schaffen und trotzdem pünktlich am 27.8. in Happy Valley-Goose Bay zu unserer Schiffstour Richtung Norden entlang der Küste Labradors sein zu wollen, haben wir diszipliniert um 9.00 Uhr morgens den Zündschlüssel rumgedreht.
Das hat funktioniert.
Ich hatte Zeit, in Fort William endlich, endlich etwas Genaueres über Kanadas Vergangenheit des 18. und 19. Jahrhunderts zu sehen, vom Pelzhandel der damaligen Zeit, von den frankokanadischen Voyageuren und habe – ich konnte es kaum glauben – sogar die Kanus aus Birkenrinde gesehen, mit denen sie unterwegs waren und von denen ich mir nie vorstellen konnte, wie die denn aussahen. Boote aus Birkenrinde, in denen bis zu 4 Tonnen Lasten befördert wurden und das über tausende von Kilometern über wilde Flüsse und Stromschnellen hinweg! – Sie bauen sie dort heute noch.
Wir hatten Zeit, in Regina – wer weiß schon, dass das die Hauptstadt Saskatchewans ist – an der 150-Jahrfeier Kanadas teilzunehmen, haben Vancouver genossen, den Denali geradezu im goldenen Sonnenlicht thronen gesehen, haben in Valdez und im Prince William Sound Wale, Seelöwen und Seeotter sowie die vor sich hinschwindenden Gletscher gesehen und nicht nur am Takhini-River dieses großartige Yukon-Territory in uns aufgenommen.
Wir haben Zeit und Gelegenheit gehabt, vor allem im Yukon viele Schwarzbären, einen Grizzly, einen Vielfraß, ein Waldmurmeltier, mehrere Bisonherden und einige Elche direkt vor oder neben uns an der Fahrbahn beobachten zu können. In unseren Nächten, die wir bis auf wenige Ausnahmen immer irgendwo in der freien Wildnis verbracht haben, ließen uns die Tiere bisher in Ruhe.
Und wir haben es bis zum Großen Sklavensee in den Northwest Territories geschafft. Das wollte ich mir denn doch nicht entgehen lassen. Und weil die Gegend dort platt wie eine Briefmarke ist und wir nichts vom Land sehen konnten außer den Bäumen rechts und links der recht ordentlichen Gravel-Road, haben wir einen kleinen Flug mit einer Cessna über das Land gemacht, um wenigstens einen Blick auf die unendliche Tundra im Norden werfen zu können. – Wirklich viel habe ich nicht davon gesehen, denn ich sollte/durfte den Flieger die letzten 20 Minuten zurück zum Platz fliegen und den Landeanflug machen. Das war natürlich ein Highlight der ganz besonderen Sorte.
Wir haben uns nicht abgehetzt, haben uns für die Dinge, die uns wichtig waren, immer Zeit genommen, waren aber immer recht zügig unterwegs gewesen.
Allerdings blieb keine Zeit für Wanderungen oder Paddeltouren. Die Boote blieben verpackt, genau wie die Wanderschuhe. Seit Ontario haben wir für beides keine Zeit mehr. Dafür haben wir andere Dinge unternommen.
Naja, und meine Filme… Oh je! Nein, ich habe keinen mehr fertigbekommen. Es war kein Denken daran. Aber ich habe immerhin das komplette Rohmaterial bereits im Edius, ordentlich in Ordnern verteilt, so dass ich da im Grunde sofort loslegen kann, wenn Zeit dafür ist. Vermutlich erst zu Hause.
Nach Hay River am Großen Sklavensee in den Northwest Territories begannen dann allerdings die bisher 12 stressreichsten Tage.
Für die Fahrt Richtung Westen haben wir wie geplant den Trans Kanada Hwy im Süden benutzt. Das war gut so, denn der ist teilweise 4-spurig ausgebaut, an den Grenzen der jeweiligen Provinzen gibt es Visitor Center, mit Informationen, Karten und WiFi. Letzteres allerdings in der Regel nicht sehr stabil. Man kann gut vorbereitet weiterfahren.
Die Flächenstaaten Manitoba, Saskatchewan und Alberta mit ihren riesigen landwirtschaftlichen Flächen auf ehemaligen Rolling Prairie war durchaus etwas für mein Auge, ließ sich aber sehr zügig durchfahren.
Für die Rückfahrt Richtung Osten haben wir die nördliche Route gewählt, weil wir sowieso im Norden waren, dort auch bleiben wollten und wir die südliche Route ja schon kannten.
Ich weiß jetzt, wie es dort aussieht, muss das aber nicht nochmal haben.
Das bekannte Ontario, das hatte ich bei der Hinfahrt vermutet und, es wurde mir jetzt bestätigt, hat seinen Charme durch seine wunderbare Landschaft, seine Berge, seine traumhaften Seen ausschließlich dem Kanadischen Schild zu verdanken. Bis hinauf zu der nördlichen Route reicht er nicht. Im Süden grenzt er an die Großen Seen, weiter im Osten reicht er bis zur Hudson Bay hinauf.
Also ist die Gegend im Norden platt. Rechts Wald, links Wald, meist schnurgerade Straßen, an denen man testen kann, ob man nicht inzwischen kurzsichtig geworden ist, da man außer nach vorne nicht weiter als 50 Meter gucken kann. So ging das die letzten ca. 5500 Kilometer, durch Alberta, durch Saskatchewan, durch Manitoba, durch Ontario. Hier in Québec wird es wieder anders, denn hier liegen wir wieder im Bereich des Kanadischen Schildes.
Die Highways sind eben Highways, also Landstraßen. Zweispurig. Wenn man Glück hat – und das verlässt den Autofahrer, je weiter er nach Osten gelangt – mit akzeptablem Belag. Höchstgeschwindigkeit 90 km/h. Drastische Strafandrohungen auf riesigen Tafeln am Fahrbahnrand (Ontario) bei Geschwindigkeitsüberschreitungen. Höchststrafe 10 000 $!!! Kann jeder lesen – sollte dies der Fall sein… interessieren tut das niemanden. Wirklich 100 % der Autofahrer lässt das kalt.
Da rase ich gegen meine Gewohnheit, überschreite verzweifelt meine Grenzen, fahre auf dem GPS 90 km/h, also 100 km/h auf dem Tacho und werde böse hupend von LKW überholt (ich hätte beinahe „überrollt“ geschrieben), die an mir vorbeirasen. Alles Giga-Liner, gerne mit Giga-Anhänger, also länger und lauter als bei uns, ganz häufig mit schwerstem Stückgut beladen. Es flitzen die alles beherrschenden Pickups an mir vorbei und natürlich auch die wesentlich selteneren PKW. Von Geschwindigkeitsbegrenzung keine Spur. Wer soll denn das auch kontrollieren?
Und diesen kanadischen Autofahrern ist es ganz egal, ob die Straße kurvenreich ist oder gespickt von Rissen und Löchern, die mich manchmal an Fallgruben erinnern. Es wird gerast.
Nachts lässt die Frequenz zwar deutlich nach, aber nicht die Geschwindigkeit. Mir ist es ein völliges Rätsel, wie ein 40-60-Tonner bei diesem Tempo, ungeachtet sämtlicher Schlaglöcher oder Kurven und ohne seitliche Begrenzungspfosten mit Reflektoren, wie bei uns üblich, aber in Kanada total unbekannt, manchmal sogar ohne seitliche Begrenzungslinie auf der Fahrbahn unfallfrei durch die Finsternis rasen kann. Im Grunde erwarte ich jeden Morgen Berge von Toten rechts und links der Fahrbahn.
Hilfe herbeizurufen wäre schwierig. In der Regel gibt es im Norden weder ein Handynetz noch Internet. Selbst mein Navi sucht oft verzweifelt nach einem Satelliten, aber das liegt wohl weder an Kanada noch an den Satelliten.
Ich rase nicht mehr. Da ich mit einem Auto sowieso ein kanadisches Ärgernis bin, kann ich auch 80 km/h fahren. Dennoch bedeuten diese LKW-Raser (und das sind 100 % aller LKW-Fahrer) für mich eine permanente Bedrohung. Ich fahre, wenn immer möglich, rechts ran, lasse sie überholen, aber kaum bin ich wieder auf der Straße, sitzt mir der nächste im Nacken. In manchen Stunden, in manchen Streckenabschnitten ist das die wahre Hölle für mich.  Mir tun die Arme vom Festhalten des Steuers weh.
Dazu diese wirklich langweilige Gegend. Es gibt nichts zu sehen. Sollten auch irgendwo Seen sein, sieht man sie nicht. Es gibt nur Bäume, große, meistens kleinere Tannen, Fichten glaube ich, gewachsen wie die Natur es wollte und Boden, Klima und Witterung es zuließen: Ganz viele, ganz dünne, ganz hässliche Bäume. Wo das Feuer für freie Flächen gesorgt hat, scheinen häufig die schneller wachsenden Birken zu gewinnen. Aber auch von denen sprießen Massen auf einem Quadratmeter. In Alberta habe ich mal wirklich lichte Wälder gesehen. Ganz ohne Unterholz. Keine Ahnung, wie die zustande gekommen sind.
Will sagen, hier im Norden macht Kanada nicht so viel Spaß. In Québec ist die Landschaft zwar wieder viel schöner, aber die Straßen erheblich schlechter. Aber das kennen wir ja schon. Es sind Folterstrecken für Auto und Fahrer.
Kanada ist übersät von Reifenteilen. Es ist unglaublich, welche Massen an kaputten, an zerfetzten Reifenteilen in diesem Land verstreut liegen! Bei diesen Straßen und dieser Fahrweise nimmt das nicht Wunder, trotzdem warte ich darauf, dass es auch uns mal trifft.
Norbert hat sich in Flin Flon (den Ort gibt es wirklich, liegt an der Grenze von Manitoba) neue Reifen draufmachen lassen. Die darf er wohl unserem TÜV nicht zeigen, aber seine alten hätten diese Straßen nicht mehr lange schadlos hingenommen. Die vorgeschriebene Reifengröße hätten sie hier nur bis 50 PSI aufgepumpt werden dürfen. Wir brauchen 71 PSI. Jetzt hat er Trucker-Reifen drauf. Die sind allerdings ein bisschen größer, als es die Papiere erlauben. Somit stimmen seine Tacho- und Kilometerangaben überhaupt nicht mehr. Der TÜV wird ihm zu Hause das Auto lahmlegen, nehme ich an. Aber hier geben diese Reifen ein gutes Gefühl, und das ist erstmal wichtig.
Mein beim Start vor 4 Monaten noch beeindruckendes Reifenprofil, auf das ich so stolz war, ist dahingeschwunden. Es ist unglaublich, was diese Straßen den Reifen antun.
Am schlimmsten sind diese Gravel Roads. Wenn es dann noch regnet, verwandeln sie sich in eine Schlammwüste mit Steinen durchsetzt. (Nicht, dass das die Eingeborenen hier langsamer fahren ließe!). Wird man überholt, fliegt einem der Lehm um die Ohren. Bei Trockenheit wird man „nur“ in eine dichte Staubwolke gehüllt. Entsprechend sieht mein Auto aus: Innen ziemlich verstaubt, außen voller Dreckklumpen. Jedenfalls brauchen wir kein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil wir uns nicht sportlich aufs Fahrrad schwingen, denn die Räder sind so dreckverkrustet, dass sich daran vermutlich überhaupt nichts mehr bewegen lässt.
Mir bricht der Schweiß aus, wenn ich daran denke, dass mein Auto für die Rückverschiffung wieder „klinisch rein“ zu sein hat. Und das Fahrrad auch. Wie soll ich das hinkriegen?
Was haben Amis, Australier und Kanadier gemeinsam? – Sie haben zu viel Land, zu viel Natur und überhaupt kein Umweltbewusstsein.
Der Aufschrei über den Dieselskandal bei VW wirkt auf mich geradezu lächerlich. Unabhängig davon, dass VW betrogen hat und dass das absolut nicht zu entschuldigen ist, scheint mir diese amerikanische Empörung über so viel Umweltschmutz grotesk.
Hier fährt der Kanadier, der was auf sich hält – und das tun gefühlt 90 % – einen Pickup, und  neben so manchem nimmt sich mein Auto klein aus. Diese Dinger schlucken nicht unter 15 l. Dazu müsste aber brav gefahren werden, also sind es eher 25 l. Ich fürchte, bei den PKW sieht das nicht viel anders aus. Deutsche Autos sind ausgesprochen selten, die meisten PKW sind Japaner.
Ein Auto hat einen Motor, und der muss laufen. Unbedingt. Auch wenn sich das Auto nicht bewegt. Schließlich funktioniert die Klimaanlage sonst nicht. Und die braucht der Kanadier dringend. Ganz egal wie kalt oder warm es draußen ist. (Aussage von Kanadiern) Oder man wirft den Motor schon mal nachts um 23 Uhr an, geht dann für eine halbe Stunde weg, beim Zurückkommen kurz vor Mitternacht hat der Wagen dann die richtige Innenraumtemperatur – wenn es draußen 19-20 Grad sind.
Gerne werden auch zum Einkaufen die Autos angelassen. Wurde da doch mal ein solcher Pickup geklaut, erzählte uns ein schweizer Ehepaar, das auch völlig verstört und entsetzt über dieses Verhalten war. Bei der Flucht bemerkten die Gangster, dass in ihrem gestohlenen Pickup hinten ein Baby schlief. Das konnten sie nun gar nicht gebrauchen, also haben sie es erschossen… Gut, das hat sich im Trump-Land abgespielt, aber mit Feuerwaffen fummeln die Leute hier auch gerne rum.
Wohnmobile sind hier riesig oder ganz riesig, schlucken alle so um die 25 Liter Sprit. Ab und an sieht man auch Kastenwagen, aber die sind ganz, ganz selten. Europäische Wohnmobile lassen sich sofort erkennen: Sie haben keine Klimaanlage. Alle, wirklich alle Wohnmobile, egal ob als Hänger auf dem Pickup, ob normaler Wohnanhänger, ob Wohnmobil mit Alkoven oder im üblichsten Format in der Größe unserer großen Reisebusse – alle, alle, alle haben eine Klimaanlage auf dem Dach. Immer einen großen Klotz und dann für jeden Raum, offensichtlich selbst für das Klo, einen kleineren Klotz. Und hat man das Pech, am Abend auf einer Rest Area die Nacht verbringen zu wollen, auf die sich ein solches Ungetüm ebenfalls stellt, dann wird natürlich zuerst das eingebaute Stromaggregat angeschmissen, damit Fernseher und vor allem Klimaanlagen auch stramm genug laufen. – Alle, die sich im Umkreis von 100 m befinden, haben was davon.
So viel dann zur Ruhe in kanadischen Weiten.
Nun muss man ja auch mal einkaufen. Dazu gibt es hier Walmart. Ein Supermarkt vergleichbar mit Real. Nur fast ohne Konkurrenz.
Das Beste an Walmart ist, dass man auf deren Parkplätzen nachts mit seinem Wohnmobil übernachten darf. Das weiß jeder. Das tun viele. Wir auch, wenn wir in einer Stadt sind und nun so gar nicht wissen wohin, wenn der Abend naht. Eine Notlösung.
In Whitehorse/Yukon war das auch der Fall. Wir zum Walmart. Da glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu dürfen: Da stand eine solch riesige Anzahl Wohnmobilen, dass wir haben kaum Platz gefunden haben. Und Walmarts Parkplätze sind ziemlich groß.
Klar hat Walmart auch Lebensmittel – und saftige Preise. Die treiben einem die Tränen in die Augen. Dicker Daumen: Alles ist 50-150 % teurer als bei uns. Eingekauft – nix drin im Wagen – 100 $ weg! Dafür kaufe ich den halben Lidl leer.
Nun ja, mein Kühlschrank ist nicht so groß, passt eh nicht viel rein.
Brot ist ein Problem. In allen Ländern außerhalb Deutschlands. Aber es gibt die eifrigen Schweden und ihr Waza-Knäcke. Es war noch in Halifax, als ich mal wieder staunend und kopfschüttelnd durch die Regalreihen zog, um mir einen Überblick zu verschaffen. In diesen ehemaligen englischen Empire-Ländern ist das überall dasselbe: Endlose Regale voller Chips in den kreativsten Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Nur die Packungsgröße ist immer dieselbe: XXL-Format.
Genauso viele Regal-Meter mit anderem Süßkram, Knusperzeug und Tonnen von verschiedensten Nüssen. Davor und da dahinter das praktische Brot, das es zwar auch in unterschiedlichsten Formen gibt, aber allen ist gemeinsam, dass es sich in die kleinste Spalte, in das kleinste Loch passend pressen lässt – damit es sich nach dem Herausholen wieder in seine ursprüngliche Größe entfalten kann. Lecker!!!
Knusperzeug! – Ja, da habe ich mein WAZA-Knäckebrot gefunden. Es läuft hier nicht unter Brot, weil man es nicht quetschen kann, sondern unter Knusperkram. Mir ist das egal, oft genug haben Norbert und ich die Bestände leergeräumt. Mehr als einmal fand ich eine Staubschicht auf den Paketen vor.
Dann gibt es auch die kleineren Waltmarts. In kleineren Städten. Natürlich kann es auf weniger Verkaufsfläche auch nur weniger Waren geben. Aber wo spart man da doch gleich am besten? Nein…Knabber und Knusper und Süss und Schmierig müssen sein. Das braucht der Kanadier. Auf die Super-XXL-Verpackungsgrößen bei Fleisch, Wurst, Milch, Eis, Nüssen, Chips etc. kann auf gar keinen Fall verzichtet werden.
Verzichten wir doch – ich traue mich das kaum zu schreiben – auf Obst und Gemüse! Also: Ein noch immer riesengroßer Laden (auch wenn er vergleichsweise kleiner ist als üblich) bietet nicht einen Apfel, bietet kein Salatblatt an!
Beim erstenmal haben wir das nicht glauben können.
Tja, auch das alles ist Kanada.
Zu Hause lässt sich ja so trefflich meckern. Schadet ja nichts. Aber es geht mir wie immer auf meinen Reisen: Im Vergleich zu anderen Ländern ist es in Deutschland nun wirklich nicht so übel. Es ist nicht alles perfekt. Nein. Aber woanders ist es auch nicht besser. Und ganz ehrlich: Für’s Auswandern fehlt mir noch das Paradies. Das mag es überall in der Welt in einzelnen Fällen und für den Einzelnen wohl geben – ich habe es noch nicht gefunden. Und obwohl ich so gerne unterwegs bin, obwohl ich dieses Kanada genau wie mein Australien wirklich liebe… zum Auswandern reicht es nicht.
Ich liebe die Weiten, die Landschaften, die Natur dieser und auch der nordischen Länder. Ich liebe diese Menschenleere, diese Einsamkeit und wo ich sie finden kann, die Unberührtheit und Ursprünglichkeit und gerne auch die Gewalt und Unbezwingbarkeit der Natur.
Dort wo die Menschen sind, ist es meist weniger schön.
Unsere Städte sind in der Regel durchaus freundlich oder gar wirklich schön. Je kleiner sie sind, desto freundlicher gestaltet sind sie häufig. (Ich weiß, es gibt Ausnahmen.)
Hier scheint es auch eine Regel zu geben: Je kleiner, desto hässlicher.
Die großen Städte, allen voran Vancouver, wirken einladend, freundlich, sind überlegt gestaltet, gibt es Bürgersteige und einen sinnvollen Bebauungsplan.
Nichts davon außerhalb der Metropolen. Da fahre ich so den Highway entlang, wird ein Ort angekündigt. Manchmal darf dort nur 80 gefahren werden, selten nur 50, meistens weiterhin 90.
Der Ort besteht dann aus irgendwie auf den Dreck hingeworfen wirkende Holzkisten. Keine Bürgersteige. Die Straße verläuft sich seitlich im Dreck, auf dem 20, 50 m weiter ein, zwei Holzkisten stehen, ein Schrottplatz mit mindestens einem verrosteten Pickup drauf. Fertig ist das Heim einer Familie. Davon gibt es dann mehrere. Dazwischen irgendwelche Holzbuden mit Werkstätten. Rundherum liegt Schrott.
Orte, die einen Bürgersteig (meist nur an einer Straßenseite) haben, sehen nicht besser aus, denn die Bürgersteige sind aus Zementplatten, die der Frost hundertfach zerborsten hat. Endlos viel Risse lassen jeden mit Gehproblemen auf die Nase fallen. Rollatoren funktionieren dort genauso wenig wie Kinderwagen. Die klobigen, gewaltigen Bordsteine sind immer, wirklich immer kaputt. Auch in den schönsten Städten sind zumindest die Kanten samt und sonders angefressen, ausgebrochen. Keine Ahnung, wie das kommt. Es gibt gefühlt keinen einzigen intakten Bordstein in ganz Kanada.
Dazu diese ewigen Stromkabel, die sich in den Straßen oberirdisch hinziehen….einfach schlimm. Die Metropolen können hier schön sein, mittlere, kleinere, ganz kleine Orte sind eine hässliche Unmöglichkeit.
Wie man bei dieser hier üblichen Kälte in diesen Häuser genannten Holzkisten überleben kann, kann ich auch nur dann verstehen, wenn ich jetzt sehe, welche riesigen Massen an Brennholz neben den Häusern gestapelt werden. Im August und September wird wohl das Feuerholz für den Winter herbeigeschafft.
Holz gibt es hier leider überreichlich. Holzhäuser sind erheblich billiger als Steinhäuser, habe ich erfahren. Also baut man Holzhäuser. Isolierungen kennen sie hier nicht. Wer friert, heizt. Wenn Fenster, Türen, Wände undicht sind, erzählte mir die deutsche Mutter einer ausgewanderten, hier verheirateten Tochter, kommt niemand auf die Idee, sie abzudichten. Es wird noch mehr geheizt. Kostet nichts. Raus mit dem CO2. Weg mit dem Wald.
Auch das ist Kanada.
So, eigentlich wollte ich mich heute von 5600 km in 12 Tagen und Autofahrerstress erholen. Nun ist es ein doch längerer Bericht geworden. Aber das sind so meine Gedanken, Eindrücke, Erfahrungen.

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