Unsere Island-Reise 2020, Teil 1

Island, Djupivogur, 21. August 2020

von Renate Neuber

Quarantäne! Ich glaub es nicht! Da dachte ich, in ein Land zu fahren, das diesen Virus gut im Griff und fast ausgerottet hat – und die Zahlen in Island belegten das – und nun das! 67 Infektionen

in den letzten sieben Tagen in diesem Inselstaat. Nein, nicht unbedingt eingeschleppt von den Touristen, sondern von den eigenen Leuten, die ihn aus den südlichen, warmen Ländern mitgebracht haben. Bei knapp 400.000 Einwohnern sicherlich eine erschreckende Zahl. Hochgerechnet wären das bei uns 14.000 Infektionen. Deutschland würde Amok laufen.

In Torshavn, Färöer, tauchen am 19. August die ersten Gerüchte auf: Im Fährhafen der Färöer, nach dem Check-in, während wir auf die verspätete Fähre nach Island warten, heißt es plötzlich, jeder müsse sechs Tage in Quarantäne, gleich nach dem Einlaufen in Seydisfjudur, Island.

Ich will das nicht glauben. In Hirtshals, in Dänemark, hatten wir alle einen Civid19-Test durchlaufen. Es gab auf dem Schiff keine positiven Fälle. Dann drei Tage Färöer-Inseln, die jetzt praktisch frei von Corona sind, wie wir dort erfuhren.

Warum um alles in der Welt jetzt Quarantäne! Jetzt! Das heißt: genau ab heute. Wir sind die ersten. – Endlich mal! Wie schön!

Und dann diese gähnende Leere auf der Fähre. Bei der Fahrt von Dänemark auf die Färöer waren es schon nicht viele Autos gewesen. Jetzt verlieren sich die wenigen Fahrzeuge in dem riesigen Bauch des Schiffes. Auch Passagiere sehe ich kaum.

Die Gerüchte werden zur Gewissheit, kurz nachdem die Fähre abgelegt hat. Wir haben uns alle zu registrieren – natürlich online. Klar, kann jeder auf seinem i-Pad oder Handy still für sich durchführen.

Ich nicht. I-Pad habe ich nicht, mit meinem Handy kann ich nur telefonieren und Musik hören. Das Handy könnte trotz seines betagten Lebens vermutlich viel mehr, als ich ihm zumute, aber die Kompetenz sitzt eben immer vor dem Computer.

Aber da gibt es ja noch die beiden PCs vor der Rezeption. Da könne man sich auch registrieren.

Klar, mache ich doch. Ich hin. Geht auch alles ganz einfach, bis eine feste Adresse für die nächsten sechs Tage angegeben werden muss. ???? Hab ich nicht. Ich habe auch nicht vor, eine zu haben.

Doch, meint die freundliche Dame von der Rezeption, das müsse sein. Ich hab aber keine. Auch gut, aber dann müsse ich mir eine besorgen. Hier, die Liste von geschätzt 100 Hotels. Da könne ich beliebig buchen, aber nur diese, denn die seien anti-corona-freundlich und für die Quarantäne zugelassen – natürlich zu den kostengünstigen Island-Tarifen.

Allerdings traue ich meinen Augen nicht. Die meisten Hotels auf der Liste liegen in Reykjavik. Ja, doch, auch dort könne ich buchen.

Na prima, Reykjavik liegt 1000 Kilometer weit weg. Ich befinde mich an der Ostküste, die Hauptstadt liegt an der Westküste. Bis ich da bin, brauche ich keine Quarantäne mehr.

Nun ja, das wäre zwar legal, aber sicherlich nur theoretisch.

Inzwischen ist auch Norbert gekommen, und wir versuchen gemeinsam, das Problem mit einer Hotelbuchung zu lösen. Zwei freundliche junge Frauen haben noch Geheimtipps preiswerter Unterkünfte – jedenfalls für isländische Verhältnisse. Abgesehen davon, dass die vielleicht von den Offiziellen gar nicht anerkannt werden, klappt eine Buchung nicht. Keine Ahnung, woran das liegt, jedenfalls geben wir nach geschlagenen zwei Stunden entnervt auf. Die Schlange derer, die auch an die Computer wollen, ist inzwischen beträchtlich gewachsen, genauso wie ihr Missfallen über unsere endlose Computerblockade. Das unterstützt nicht gerade unsere innere Ruhe und Gelassenheit.

Inzwischen ist die Happy-Hour-Time fast zu Ende und wir schaffen es gerade noch, uns frustriert ein Bier zu gönnen. Eher einen Eimer Bier, denn die Gläser fassen stolze 0,7 Liter starkes Tuborg.

Das brauchen wir auch für Nerven und Gemüt.

Klappt auch. Beschwingt beschließen wir, doch einfach einen Campingplatz als Adresse anzugeben.

Wer will das überprüfen? Reiseführer rausgekramt, Campingplatz ausgeguckt, die Adresse in den inzwischen verwaisten Computer gehauen. Fertig.

Erleichtert, und uns ziemlich pfiffig fühlend, schaffen wir es nach Mitternacht endlich ins Bett.

Ausschiffung am frühen Morgen nach viel zu kurzer Nacht in Seydisfjudur, Island.

Wieso dauert das so lange für diese handvoll Autos?

Dann sehe ich das Aufgebot von Polizei, Zoll und Ordnungshütern. Oh, weh!

Doch, die Polizisten sind sehr freundlich, keiner der Passagiere gilt als Schwerverbrecher, aber… nein, ein Campingplatz sei keine Quarantäne-Unterkunft. Es müsse ein Hotel sein. Wo denn meine Registrierung sei.

Tja, schwierig. Ich hab kein Internet, aber dieser Herr dort zwei Autos hinter mir, hat alle Unterlagen von mir und über mich auf seinem i-Pad. Ich habe leider nichts.

Der freundliche Polizist glaubt mir, winkt mich schließlich weiter, aber erst, nachdem er mir eine Liste mit Hotels gereicht hat, die von den Offiziellen als Quarantänestation genehmigt waren. Sie ist erfreulicherweise auf übersichtliche 12 Alternativen geschrumpft.

Da müsse ich auf jeden Fall buchen. Und auf keinen Fall einkaufen gehen. Das dürfe ich nicht. Darum kein Campingplatz, sondern Rundum-Versorgung. Außerdem müsse ich ein eigenes Klo haben (hab ich doch!) und eine eigene Dusche (hab ich doch!). Und überhaupt…in mein Auto kommt noch nicht einmal eine Putzfrau. Gibt es eine bessere Quarantäne-Station? Und Essen hab ich doch auch ausreichend – eingeschmuggelt vom Citty-Markt in Flensburg!

Kein Pardon. Kein Campingplatz. Dann darf ich fahren. Norbert hinter mir haftet für mich.

Runter vom Hafengelände auf den Parkplatz. Dort stauen sich die anderen Wohnmobilisten. Naja, stauen ist arg übertrieben. Es staut sich überhaupt nichts. Nur mein Unverständnis.

Inzwischen haben sie Norbert rausgewinkt. Er steht da, wo keiner sonst steht und wird befragt. Über unsere Handys verständigen wir uns – vermutlich sehr kostengünstig.

Aus der Hotel-Nummer kommen wir jedenfalls nicht raus. Als wir schließlich beide auf dem Parkplatz am Hafen stehen, trollen wir uns in das Touristenbüro, eine Art Visitor-Center mit freiem W-LAN.

Es gilt, die Hotelliste abzuarbeiten. Da ich jetzt auch ein Internet auf meinem Laptop habe, können wir gleichzeitig recherchieren. Das geht schneller, scheint aber erfolglos, denn genau in dem notwendigen Zeitraum von 20.-25. August ist alles ausgebucht. Klar, die anderen Passagiere sind schneller gewesen.

Viele von ihnen tun mir richtig leid. Die meisten haben nur drei Wochen Urlaub, zwei Wochen für Island auf Fahrrädern, Motorrädern, Mietautos oder Wohnmobilen. Jetzt würden sie fünf von ihren vierzehn Tagen an einem Ort kleben.

Was für ein Urlaub!

Da geht es der Rentnerfraktion deutlich besser, nochzumal wir ja erst Mitte Oktober zurück wollen.

Wie auch immer – die letzte Adresse hat eine Bleibe für uns. 120 Kilometer weit weg. Kein Hotel. Cottages. Das hört sich erträglich an.

Wir also hin und erste Island-Eindrücke geschnuppert. Gleich hinter Seydisfjudur sind wir nach wenigen Kilometern von Meereshöhe auf 610 Meter! Ich denke kurz an die Radfahrer, die diese Strecke auch bewältigen müssen – zu welchem Quarantäneziel auch immer – da sehe ich einen von ihnen, der gerade die ersten Meter genüsslich wieder hinabrollt. Alle Achtung, der ist im Training!

Es geht weiter bergauf und bergab mit wundervollen Ausblicken auf Berge, Täler, Seen und unzählige Wasserfälle und Flüsse, die durch ausgewaschene Felsbetten und Schluchten fließen. Es sind ganz offensichtlich Schmelzwasserflüsse, denn meistens sind sie lediglich sommerliche Rinnsale. Nur ganz oben auf den Gipfeln leuchten noch immer Schneefelder.

Dann eine Schotterpiste, als wir von der Straße 1 abweichen. Bis zu 17 % Steigung bzw. Gefälle. Und Schlag auf Schlag enge Kurven und blinde Kuppen, die keine Sicht auf entgegenkommende Fahrzeuge freigeben. Die Straße ist zwar meistens ausreichend breit, aber der Schotter und der Wind lassen das Auto schwimmen, dazwischen immer auch ausgewaschene Rillen, die einen Schieneneffekt haben. Jedenfalls traue ich mich nur langsam zu fahren, vor allem, wenn es steil hinuntergeht.

Aber ich liebe solche Straßen. So macht mir das Autofahren Spaß.

Schlecht ist nur, dass es gilt, von A nach B zu kommen. Das stört mein Urlaubsgefühl.

Schließlich finden wir unser Cottage. Etwa 15 stehen hier herum, Blick auf den Fjord und auf die nur ganz leicht begrünten Berge rundherum. Sie wirken unbezwingbar mit ihrer tektonisch schräglaufenden, stufenartigen Formation, die steilen, dunklen Fels zeigen.

Von diesen 15 Cottages sind nur drei belegt – Wohnmobilisten von der Fähre. Die Hütten haben zwar eine Küche, nur, was soll man da kochen? Wovon soll man sich überhaupt ernähren? Der eigentliche Ort ist kilometerweit weg, hat vermutlich einen Supermarkt, aber einkaufen dürfen wir ja auf keinen Fall.

Aber das Restaurant hier an den Hütten hat im Sommer 2020 – sorry, dear guests – geschlossen.

Was haben sich die Offiziellen dabei gedacht? Vermutlich hat niemand von denen ein Wohnmobil. Und für die paar Hansels, die mit so einem Gefährt unterwegs sind, brät man keine Extrawürste.

Nun, uns soll das egal sein, wir haben alles dabei.

Als mich der wunderschöne, feuerrote Sonnenuntergang irgendwo hinter den Bergen ins Bett schickt – ich freue mich nach der kurzen Nacht aufs Schlafen – ziehe ich mich also in mein Zimmer zurück. Ich habe es noch nicht in die liegende Position geschafft, als ich sofort wieder hochschieße. Hier kann kein Mensch schlafen, ohne anschließend Dauergast beim Orthopäden zu sein. Nein danke, Rückenprobleme habe ich so schon genug.

Ich frage mich nur kurz, wie man ein so extrem weiches Bett einem Menschen überhaupt zumuten kann und ziehe in mein Auto um.

Ist das heimelig und schön! Ich lasse mich gemütlich und wohlig in den Schlaf schaukeln. Ja, schaukeln, denn der Wind hat sich zu einem handfesten Sturm ausgewachsen. Zwar bewahrt mich Norberts Auto neben mir vor den schlimmsten Windattacken, aber das Schaukeln ist dennoch heftig genug.

Am Morgen sehe ich, dass die Schaukelei Norbert nachts in die Hütte getrieben hat. Sie ist bei ihm stärker als bei meinem Auto. Er hat die Wackelei nicht mehr ertragen.

Wir müssen die Autos umstellen, so dass der Wind von vorne oder hinten kommt. So quer zu den Böen stehen wir zwar vorschriftsmäßig in der Einfahrt, aber da hier sowieso kaum Gäste sind, nehmen wir einfach mehr Platz in Anspruch.

Nun gilt es, die unnützen Tage herumzukriegen. Es stürmt noch immer. Es ist bedeckt, aber nicht unfreundlich. Kalt ist es bei 12 Grad auch nicht.

Und unsere Hütte hat eine Heizung. Jedenfalls habe ich nun Zeit genug, mich um mein Fotobuch zu kümmern und vielleicht auch mit dem Film über die unglaublich schönen Färöer zu beginnen.

Und was macht Norbert? Welche eine Frage! Als wir hier ankamen, hatte er kaum einen Blick für unsere Unterkunft, sah nur die weite Wiese rundherum und raus mit seiner Antenne.

Das habe ich ja nun schon oft genug gesehen, aber was er hier aufgebaut hat, ist ziemlich speziell. Nachdem ihm gestern seine Antenne kurz nach dem Aufbau wieder in die Arme gefallen ist, weil der starke Wind ihm einen geblasen hat – von wegen stabil aufgebaut, einfach umgefallen ist sie – hat er alles rausgehauen, was ihm an Strippen und Seilen zur Verfügung steht.

Nun steht seine Antenne, noch ein bisschen schiefer als sonst, aber das macht den Funkwellen keine Probleme, nur meinem Auge für’s Ordentliche.

Die Elektrik funktioniert hier, also kann er nun funken, bis die Leitungen glühen.

Tag gerettet!