Unsere Island-Reise 2020, Teil 10

10. Islandbericht

von Renate Neuber

Diese Nacht auf dem Campingplatz in Höfn ist etwas für hartgesottene

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Gemüter. Gegen Mitternacht beginnt es zu stürmen. Obwohl ich in Windrichtung stehe, wackelt und schwankt mein Auto, sobald es von den zahlreichen Böen aufs Korn genommen wird. An Schlaf ist kein Denken. Ich warte ständig auf den nächsten Angriff, der mich nie lange warten lässt.

Gegen vier Uhr ist der Spuk genauso plötzlich zu Ende, wie er begonnen hat. Jetzt hat wieder der Regen das Sagen.

Dieses trübe Wetter schlägt aufs Gemüt. Was sollen wir noch länger auf diesem öden Campingplatz? Wir fahren zurück zur Lagune des Jökulsálón, weil wir uns an die Hoffnung klammern, dass morgen dort die Sonne scheint.

An der Lagune ist es ähnlich trüb wie gestern. Aber es ist Flut. Der Abfluss zum Meer, auf dem gestern bei abfließendem Wasser zahlreiche Eisberge trieben, ist jetzt frei von ihnen. Sie alle stapeln und quetschen sich hier in der Lagune.

Das Schönste allerdings sind die drei Robben, die sich hier vor mir tummeln. Nun, „vor mir“ ist etwas übertrieben, aber ich kann sie von meinem Auto aus gut beobachten. Zum Filmen ist es zu dunkel, zu trüb, sind die drei Burschen zu weit weg.

Unsere Rechnung geht auf. Schon nachts wird es klar, und der helle Mond zeigt sich in vollendeter Rundung.

Am Morgen leuchtet bereits der Gletscher im Westen rötlich, angestrahlt von der roten, aufgehenden Sonne.

Ich raus aus dem Bett. Kaffeewasser aufgesetzt, das Kochen nicht abgewartet. Ich muss nach draußen, fange die ersten morgendlichen Tönungen der Eisberge ein. Jeder leuchtet anders. Es ist einfach unbeschreiblich.

Wir haben wieder Ebbe. Das Eis liegt verteilt in der Lagune, lässt sich hinausspülen ins Meer. Eine Untiefe parallel der Küste verhindert, dass es gleich davonschwimmt. Die Eisberge drehen sich, werden jetzt an die schwarze Küste gedrückt. Die Flut wird sie auf den Strand spülen.

Dort liegen sie. Dort sammeln sie sich. Unzählige große, übermannshohe Eisklötze, dicht an dicht, beherrschen den schwarzen Lavastrand vor der Lagune. Es ist eine Freude, in der Sonne zwischen ihnen hindurchzulaufen, ihr Licht einzufangen, ihre Figuren und Formen mit der Kamera festzuhalten. Wir können damit kaum aufhören.

Bei den heutigen sechs bis acht Grad ist es in der Sonne dennoch warm genug, ohne Jacke auf der Mole sitzend dieses Eisbergfeld auf dem schwarzen Sand wie Diamanten leuchten und funkeln zu sehen.

Nachmittags laufen wir ein weites Stück am Ufer der Lagune entlang, sitzen lange auf einem hölzernen Schwimmsteg in der Sonne, genießen diesen einzigartigen Blick auf kleine und auf wirklich riesige Eisberge, von denen wir uns gar nicht erklären können, wo sie abgebrochen sein mögen, denn eine Abbruchkante können wir nicht ausmachen.

Die kalte Nacht mit Temperaturen zwischen ein und zwei Grad zaubert leider nicht das erhoffte Nordlicht an den Himmel. Der zieht sich über Nacht zu. Morgens ist es wie immer: Grau in Grau. Das Eis leuchtet nicht mehr.

Wir machen uns auf nach Osten. Immer weiter auf der Ringstraße 1, rechts der Ozean, links die Berge, die hier ein ganz anderes Gesicht habe. Sie sind extrem stufig, lassen auch viel Geröll die Hänge hinunterrollen. Dicke Eisenbohlen entlang der Straße sollen verhindern, dass sie auf die Straße rollen. Leider sichern sie nicht überall die Fahrbahn, und ich hoffe, dass die Isländer genau wissen, wo die Gefahrenzonen sind.

Die Felsformationen, die diese stufigen Abhänge bilden, sind so vielfältig und schön, dass ich mehr nach oben und zur Seite gucke als auf die Straße. Lugen anfangs noch Gletscher zwischen den Gipfeln hindurch, sind es eine Weile später hunderte Wasserfälle, die die Hänge von Stufe zu Stufe hinunterspringen und -stürzen. Die Berge scheinen vor Nässe zu triefen.

Die weiße Brandung, die hier vehement gegen die schwarzen Felsen schlägt, lenkt meinen Blick auch immer wieder nach rechts. Im Grunde habe ich gar keine Zeit, nach vorne auf die Straße zu gucken.

Es ist nur so schade, dass die Sonne keine Chance gegen die dicken Wolken hat.

Eigentlich möchte ich bis Egilsstadir wieder die 95 fahren. Ja, eine Gravelroad, aber die sind wir in unserer Quarantänephase trotz Pass schon zweimal in dieser Richtung gefahren. Doch ein Blick nach oben sagt mir, dass ich dort außer dickem Nebel nichts zu sehen bekomme. Und den Nebel auf dieser Strecke habe ich schon erlebt.

Also bleiben wir bis Egilsstadir auf der 1 und umfahren jeden Fjord. Hier gibt es noch mehr Wasserfälle, die die Hänge hinabstürzen. Ich kann kaum glauben, was ich da aus dem Nebel von oben herunterkommen sehe. Ein Blick nach links, und ich sehe 10, 12, 15 Wasserfälle gleichzeitig. Vielleicht auch mehr. Ich kann sie nicht zählen, denn manchmal ist es schon auch notwendig, einen Blick auf die Fahrbahn zu werfen.

Ich habe Norbert davon überzeugt – oder besser überredet – unbedingt die knapp 100 Kilometer lange 910 zu fahren. Sie ist die einzige befestigte Straße, die ein Stück ins Hochland und ohne Allrad zu befahren ist. Grund für diese Straße sind der Staudamm und das Elektrizitätswerk an ihrem Ende. Hier wird der notwendige Strom für die Aluminiumherstellung produziert. Klar wurde durch den Staudamm Natur vernichtet und klar hatte es dagegen viele Proteste gegeben. Umstritten ist das ganze Projekt noch immer, aber es produziert Strom, damit Island sein Aluminium exportieren kann.

Mir geht es um das Hochland, in das ich so gerne möchte. Deswegen biegen wir in Egilsstadir auf die 95 Richtung Süden ab, später führt uns die 931 entlang des Lagarfljót weiter nach Südwesten.

Plötzlich verändert sich die Natur. Ich traue meinen Augen kaum, denn in ganz Island habe ich bisher kaum mal einen Baum, geschweige denn einen Wald gesehen. Gibt es nicht mehr, seit er vor etlichen Jahrhunderten dem Schiffsbau gänzlich zum Opfer gefallen ist.

Und nun sehe ich hier Birkenwälder! Nun ja, für hiesige Verhältnisse sind es Wälder. Und sie leuchten, denn der Herbst zaubert auch hier das Gelb in die Blätter. Das ist so kräftig, dass es sogar bei dem jetzigen Regen leuchtet. Diese farbenfrohe Natur kommt für mich so überraschend, dass ich mich gar nicht daran sattsehen kann und ich erst jetzt merke, dass und wie sehr ich Bäume, wie sehr ich Wälder vermisst habe.

Wir überqueren den Lagerfljót. Noch ein kurzes Stück die 931, und dann sehe ich schon, wie sich die 910 in Serpentinen über den Berg rechts von mir schraubt.

Das wird hoch! Und wir haben Regen und eine diesige Sicht. Beides wird mit jedem Höhenmeter schlimmer, während die Temperatur sinkt. Es ist schon später Nachmittag.

Die Serpentinen nehmen kein Ende. Die Haarnadelkurven sind immer weniger zu erkennen. Die Sichtweite mag vielleicht 50 Meter betragen. Gefühlt sehe ich überhaupt nichts.

Dazu dieser ewige Regen, der die Sicht noch zusätzlich behindert.

Und es geht immer weiter hinauf. Ich merke, wie meine Beine anfangen zu zittern, weil es kaum mal einen Meter ebene Fahrbahn gibt, die mich durchatmen lässt.

Auch als die Serpentinen zu Ende sind, geht es noch weiter bergauf. Erst bei 647 Meter scheint vorübergehend Schluss zu sein. Das trifft aber auch auf die Sicht zu, denn zu Nebel und Regen gesellt sich jetzt auch noch die beginnende Dunkelheit.

Sollen wir so noch die nächsten 70 Kilometer unterwegs sein? Vielleicht bis Mitternacht oder länger? Bei meinem Tempo von nicht über 35 km/h könnte das hinkommen.

Dann endlich sehe, nein ahne ich rechts eine Ausbuchtung der Fahrbahn. Ich könnte jubeln! Nichts wie drauf auf diesen Parkplatz oder was immer das sein mag und Motor aus.

Das waren heftige Kilometer!

Norbert hinter mir hat wohl ähnlich gelitten, obgleich er sich gut an meinen Rücklichtern orientieren konnte. Das hat Nerven gekostet.

Mir ist völlig egal, wie das Wetter morgen werden würde. Ich will nur noch schlafen.

Aber nix da! Nachts fängt es an zu stürmen, und wir stehen hier auf der Höhe wie auf dem Präsentierteller für die Angriffe von Sturm und Böen. Doch seltsam. So laut und so heftig es draußen auch tobt, unsere Autos schwanken und bewegen sich kaum. Wir müssen perfekt in Windrichtung stehen.

Nach ein paar Stunden ist der Spuk ebenso plötzlich vorbei, wie er begonnen hat. Ein bisschen Schlaf ist also noch drin.

Am Morgen ist der Nebel fast weg. Wir sehen unsere Umgebung und Berge im Hintergrund. Und ganz weit entfernt in einem Wolkenloch ahne ich die vergletscherten Gipfel des Vatnajökulls. Jedenfalls müsste er das sein.

Aber mich plagen andere Sorgen, als ich auf die Karte gucke. Wenn ich die Höhenringe richtig zähle – und das mache ich mehrmals, um einigermaßen sicher zu sein – erwarten uns noch weitere 400 oder gar 600 Meter Steigung. Damit sind wir auf weit über 1000 Meter! Und inzwischen haben wir Oktober. Das kann man auch bei bestem Willen nicht mehr Sommer nennen.

Das Wetter in Island und ganz bestimmt hier oben wechselt schnell. Noch haben wir sechs Grad. Im Moment regnet es auch nicht. Das kann sich aber schnell ändern. Und dort, wohin wir wollen, ist es wolkenfrei, also mal ganz sicher kälter als hier, wo wir übernachtet haben.

Aber wie lange mag es dort, wo mich die Aussicht auf den Vatnajökull wie eine unwiderstehliche Verlockung anzieht, wolken- und damit regen- und eisfrei bleiben? Wohin ziehen die Regenwolken, die jetzt über uns sind? Welche Temperaturen herrschen tatsächlich dort, wo es fast doppelt so hoch werden kann wie hier?

Aber diese Aussicht dort, dieser Blick auf die Gletscher des Hochlandes müssen einfach überwältigend sein. Soll ich mir diese Chance entgehen lassen?

Wir fahren zunächst weiter Richtung Südwest, weiter auf der 910. Dort soll es irgendwo einen Hot Pot geben. Den finden wir auch, genießen eine Weile die Wärme des Wassers in der ansonsten geschlossenen Lodge, zu der die Hot Pots gehören.

Diese heißen Quellen sind nur am Rand befestigt. Die Steine am Boden sind glitschig und veralgt. Ausweichen geht nicht, denn aus dem Kies um die Steine herum steigt das heiße Wasser. Und das ist wirklich heiß.

Wir beschließen zurückzufahren und nicht das Risiko eines Wetterumschlags einzugehen. War es wieder falsch, dass meine Vernunft gesiegt hat? Ich weiß genau, dass ich diese Entscheidung bereuen werde.

Die Gewissheit lässt auch nicht lange auf sich warten. Am Lagarfljót finden wir einen herrlichen Platz für die Nacht – mit Blick auf die Serpentinen der 910 und weiter links auf die Spitze des Vatnajökull. Dort ist es noch immer klar. Kein Regen. Kein Schnee. Von mir aus kalt, aber ohne Feuchtigkeit bleiben die Straßen trocken und dann spielen den Temperaturen keine Rolle.

Wir hätten gefahrlos fahren können! Nun bleibt uns nur, den wunderbaren Sonnenuntergang zu beobachten, der auf dem Rand der Wolkendecke über uns und auf den See unter uns ein wunderbares Schauspiel bietet, während Europas größter Gletscher in seinem roten Licht leuchtet.

Wir haben Island umrundet. Das Wetter – grau, verregnet, trüb, neblig, stürmisch – macht wenig Lust, noch eine weitere Woche hier zu vertrödeln. Wir verkürzen unseren Aufenthalt um eine Woche. Das Umbuchen der Fähre ist kein Problem.

Aber einmal wollen wir noch einen Hot Pot genießen. Da war doch diese neue Anlage, die noch in keiner Karte eingezeichnet ist, nur fünf Kilometer von Egilsstadir entfernt.

Hatten wir sie vor sechs Wochen noch zufällig gefunden, fahren wir jetzt gezielt hin und genießen einen entspannten Nachmittag und Abend in diesem wohligen, warmen Wasser, das die Haut auch noch Stunden nicht austrocknet – immer mit dem Blick auf den Fjord und die Berge rundherum.

Der letzte Fahrtag fordert dann noch eine letzte Passüberquerung. Bis nach Seyðisfjörður, also bis zur Fähre, führt nur die 93, und die bringt uns auf 607 Meter hinauf. Kein Ding, wenn es nur so trüb ist wie heute und das Thermometer auch am höchsten Punkt nicht unter sechs Grad fällt.

Nur diese langen gelben Stangen, die erstaunlich dicht die Straße an beiden Seiten begrenzen, machen deutlich, dass im Winter hier ganz andere Verhältnisse üblich sind. Hier werden echte Schneemassen erwartet. Dennoch muss die Fähre auch im Winter erreichbar sein. Nicht für Touristen, aber für die LKW, die die Cargo-Container der Fähre ins Land bringen müssen. Ich denke mal, dass das eine echte Herausforderung ist.

Waren diese Stangen auch vor sieben Wochen hier, als wir hier ankamen? Ganz sicher, aber wahrgenommen habe ich sie nicht. Ich war begeistert von dieser ersten heftigen Höhe gleich nach unserer Ankunft und den vielen Wasserfällen rechts und links an den Berghängen.

Und nun sind wir wieder hier an der Fähre. 48 Island-Tage liegen hinter uns. Wir sind 5106 Kilometer gefahren.

Unsere Fähre, morgen Abend geht’s los, Samstag kommen wir in Hirtshals der nordspitze von Dänemark an.

Sonne, Regen, Graupel, Nebel und Sturm haben wir erlebt. Das Fahren war oft reines Abenteuer und nicht selten eine Herausforderung, wenn kurvige und steile Gravelroads im Nebel zu bewältigen waren, wenn die vielen Löcher ein wahres Lenkerjonglieren notwendig machten, wenn der Sturm uns von der Fahrbahn putzen wollte, wenn die Höchstgeschwindigkeit bei 25 km/h lag, wenn die Arme zu zittern begannen. Aber das hat Spaß gemacht und es ist allemal besser als ödes, endloses Abreiten asphaltierter Straßen. Und…alles ist heil geblieben. Es gab keinen Platten, keinen Unfall. Und Norbert und ich sind gesund geblieben!