Unsere Island-Reise 2020, Teil 2

Island, 16 km vor Bakkagerdi, Parkplatz, den 27.8.2020

von Renate Neuber

Wir sind aus der Einzelhaft entlassen. Das Testergebnis bekamen wir unterwegs per SMS. Nun wissen wir wenigstens, das Covid19 uns bisher nicht haben wollte.

Fröhlich, uns echt befreit und lebendig fühlend – es ist nämlich ein erheblicher Unterschied, ob man sich freiwillig irgendwo einigelt oder per Anordnung einigeln muss – nehmen wir zum drittenmal die Strecke nach Egilsstadir unter die Räder. Klar, das sonnige Wetter hat sich verabschiedet, aber der Nebel kann unsere gute Laune nicht schlucken.

Beste Erinnerungen haben wir an die Straße 939, die über die Berge führt. Unsere Begeisterung über diese Straße fand kein Ende an unserem ersten Tag auf dem Weg zu unserer Quarantäne – auch wenn sie etwas Nerven kostete mit dem extremen Gefälle und den engen Kurven nach Erreichen der Passhöhe.

Heute wollen wir diese Strecke von Süden aus noch einmal fahren, um Egilsstadir zu erreichen. Geht auch gut – die erste Steigung von 17 % auf rutschigem Schotter, mit schienenartigen Spurrillen. Geschafft!

Dann die zweite Steigung, gleich als knackige Herausforderung mit enger Kurve drin. Das Auto rutscht, lässt sich ungern in der Spur halten, das Antischleudersymbol leuchtet auf, funktioniert also, will ich aber eigentlich jetzt gar nicht wissen, der Motor quält sich, fühlt sich völlig überfordert, streikt, rups, geht aus. Ich hänge mitten in diesem rutschigen Abhang, rede meinem Auto gut zu, starte neu.

Automatische Bremshilfe beim Anfahren am Berg – ein Witz! Also alte Schule und mit Hilfe der Handbremse angefahren. Die Kupplung stinkt. Widerwillig setzt sich mein Auto in Bewegung. Ich traue mich in den zweiten Gang zu schalten. So geht es, auch wenn der Motor keucht und überfordert hechelt. So echte Muckis hat er nicht. Echt untermotorisiert.

Irgendwie ist es geschafft, die Straße verläuft ein Stückchen fast waagerecht. Norbert kommt auch angeschlichen. Ist völlig fertig.

Motor aus. Pause. Durchatmen.

Uns steht vermutlich beiden der Stress ins Gesicht geschrieben.

Ziemlich entnervt sehen wir uns den Pass von hier unten aus an. Wirklich hoch sind wir noch nicht. Wir hatten ihn doch am ersten Tag so wunderbar und völlig ohne Probleme bewältigt! Ja, aber da waren doch die heftigen Abfahrten gewesen, für die ich manchmal richtig Mut brauchte! Und die müssen wir jetzt hoch.

Geht nicht. Wir müssen zurück. Wenden. Die Straße ist schmal, die Seitenränder nicht befestigt.

Andere Autos kommen den Berg hochgeschossen, fahren lustig an uns vorbei, wir erblassen vor Neid – sie alle haben Vierradantrieb.

Wir müssen wenden. Tief Luft holen, einer guckt und winkt, der andere muss mutig sein und fahren.

Irgendwie schaffen wir es. Nochmal muss das nicht sein.

Wir sind froh, als wir wieder auf der Ringstraße 1 sind, die rund um Island verläuft.

Aber nur langweilig an der Küste entlang, die der Nebel fast vollständig vor uns verbirgt, wollen wir auch nicht. Weiter oben, hatten wir gesehen, ist die Sicht freier.

Also ab auf die 95, die wir gestern schon gefahren waren, als wir zum Test wollten. Die führt auch über die Berge, ist auch eine Schotterpiste, hat aber weniger schlimme Steigungen. Sie ist Teil der alten Ringstraße 1.

Rauf von Meereshöhe auf 400 Meter. Von wegen freie Sicht, dicker Nebel mit Sichtweite – ich will nicht übertreiben – vielleicht 50 Meter! Die Straße kaum breiter als die Autos. Kurven sind immer gerne gebaut. Wir tasten uns vorsichtig durch die dicke Suppe. Stress habe ich keinen, denn mich nerven keine anderen Autos. Hier brauche ich nur auf mich zu achten.

Doch, das hat seinen Reiz, und wir kommen auch heil in Egilsstadir an.

Von dort aus wollen wir über die 94 weiter in den Norden nach Bakkagerdi. Dort ist die Welt zu Ende. Das gefällt vor allem den Vögeln, die in der Nähe auf einem Vogelfelsen leben. Vorzugsweise Papageientaucher. Ich habe noch nie welche in der freien Natur gesehen und freue mich darauf.

Nur liegt Bakkagerdi jenseits der Berge. Davon sehen wir erst einmal nichts, denn wir durchfahren eine riesige Ebene. Ganz in der Ferne ahne ich allerdings die Umrisse der Berge.

Die sind dann da. Und hinauf führt – wer wird sich wundern – eine Schotterpiste. Mit Steigungen geizen die Isländer nicht, aber so ganz schlimm sieht es von hier unten nicht aus. Außerdem liegt hinter dem Pass ein Ort. Die Leute haben nur diese eine Straße. Touristenströme wollen die Papageientaucher sehen – jedenfalls, wenn nicht gerade Corona herrscht – und müssen ja auch irgendwie dahin.

Ich rede mir die Sache schön und Norbert Mut zu.

Rauf auf die Gravelroad.

Anfangs erfreute sie uns noch mit festem, sehr grobem, schwarzem Belag. Dann ist der Spaß zu Ende. Dicker, graue Schotter lässt vermuten, dass die Straße mal bessere Zeiten sehen soll. Nur sind die leider noch nicht angebrochen.

Mut zusammengekratzt, Lenkrad so fest im Griff, dass die Knöchel weiß hervortreten, Spur halten auf dem schwimmenden Untergrund, dem Motor gut zuredend, doch bitte, bitte durchzuhalten.

Macht er.

Geht alles im 3. Gang. Nur bloß nicht vom Gas. Niemals! Dann bin ich verloren. Das haben wir in Australiens Dünen gelernt und eifrig geübt. Hilft mir jetzt. Aber damals hatten wir einen 8-Zylinder Motor. Nein, nicht diesem tollen Toyota hinterherträumen, ich habe jetzt nur 130 PS und vier Zylinder.

Ich muss mit diesem mikrigen Motor zurechtkommen. Wieder diese engen Kurven. Nicht vom Gas!

Dann endlich ein Parkplatz kurz vor der Passhöhe. Jedenfalls glaube ich, dass es die Passhöhe ist.

Durchatmen und beschließen, die Nacht hier zu verbringen. Unter uns liegt die riesige Ebene, im fernen Hintergrund Berge, hinter denen die Sonne bald verschwinden wird. Es ist windstill. Sollte es stürmen, wie noch vor wenigen Tagen, werden wir hier weggefegt.

Hoffentlich hält das Wetter.

Gerade gemütlich eingerichtet, kommt Norbert mit seinem i-Pad zu mir. Ich habe kein Internet, und mails interessieren mich im Moment nicht so sehr. Ihn schon. Er hat seine gelesen – auch die von der Covid-19-Zentrale. Wir sollen am 30.8. zum zweiten Coronatest kommen! Bis dahin bitte Quarantäne. Und hier ist die Adresse vom Testzentrum in Reykjavic.

Wir sind begeistert! Was nun?

Leider habe ich die gleiche mail bekommen. Der 30.8. ist ein Sonntag. Da testet kein Mensch in Island. Geht schon mal nicht mit dieser Anweisung.

Ich finde ein Testzentrum in Akureyri. Hat immerhin stramme eineinhalb Stunden am Tag offen. Akureyri liegt auf unserer Strecke. Da könnten wir am Montag, am 31.8. aufschlagen.

Wir pfeifen auf eine erneute Quarantäne. Wir haben sie bereits fünf Tage durchgehalten. Es kann doch nicht sein, dass uns jeder was anderes erzählt! Wir wollen alles richtig machen. Brav sein. Alles, was falsch ist, haben wir hingekriegt.

In der Stille hier wird es heute morgen um halb acht laut und lebhaft. LKW, Straßenraupen, Wasserwerfer machen Lärm. Nach echter Wikingerart läuft ein Vermessungstechniker bei 6 Grad im T-Shirt über den Hang.

Sie nehmen unsere schwammige Schotterstraße in Angriff. Ich habe hier einen guten Überblick, wie die arbeiten: LKW verteilen abwärtsfahrend aus ihren hochgestellten Kippern schwarzen, scharfen Schotter, der wird gleichmäßig verteilt, besprengt, verdichtet. Das geht in einer atemberaubenden Geschwindigkeit.

Und wir? Wir stehen hier und wagen uns nicht vom Fleck, denn wir finden es nicht lustig, zwischen den LKW durchzuzuckeln und den Betrieb aufzuhalten. Die sollen nur eifrig arbeiten, damit die letzten Kilometer rutschiger Gravelroad für uns bis morgen wunderbar befahrbar werden.

Jetzt, nach vier Stunden, ist die Straße, so weit das Auge reicht, schon fertig. Jedenfalls sieht sie fertig aus. Der Vermessungsmensch, der die Fahrbahn ständig von seinem Auto aus kontrolliert, schickt immer wieder einen LKW an einzelne Stellen, die wohl zu wenig Schotter bekommen haben.

Nein, es macht viel mehr Spaß, diesem Ameisenhaufen beim Arbeiten zuzusehen, als sich hineinzustürzen, um den Weg fortzusetzen.

Ich denke, morgen, frühestens aber erst, wenn hier Feierabend ist, geht es für uns weiter. Vielleicht sind ja noch nicht alle Papageientaucher davongeflogen, damit wir wenigstens noch einige von ihnen beobachten können.