Unsere Island-Reise 2020, Teil 3

3.Islandbericht, 1. September 2020, Parkplatz an der 76, Blick auf den Ozean

von Renate Neuber

Um es gleich zu sagen: Wir sehen nicht einen einzigen Papageientaucher. Alle sind mitsamt ihren Jungen pünktlich weg und auf zum Winterlager auf dem Ozean – wie kuschelig! Nun, einen Ornithologen wird das nicht wundern.

Am nächsten Morgen wieder über den Pass zurück. Heute macht das Spaß, nur noch wenig alte Gravelroad. Das neue Stück ist fast fertig befestigt.

Wir fahren die 944, die auch eine Gravelroad ist. Dann sind wir wieder auf der 1 und in einer Mondlandschaft. Hier ist nichts. Etwas mickriges Grünzeug, von dem noch nicht einmal Schafe leben können. Fast über 200 Kilometer erstreckt sich diese Moränenlandschaft, früher mal besiedelt, aber Vulkanausbrüche und Lavastaub haben Menschen, Tiere und Pflanzen weggefegt.

Endlose Kilometer nur Felsen, Steine, Kies.

Dann plötzlich ein Parkplatz mit vielen Autos. Viel sind in Coronazeiten so zwischen 8 und 12 Fahrzeuge. Wir stellen uns dazu, und haben keine Ahnung, was es hier zu sehen gibt.

Gibt auch kaum was zu sehen, mehr zu fühlen. Wir finden uns einer nagelneuen Hot-Pot-Anlage wieder. Je nach Becken beträgt die Wassertemperatur 38 oder 41 Grad. Und wer Mut hat, darf den gerne durch einen Sprung in den kalten Fjord beweisen. Ich bin nicht mutig. Ich genieße feige die Wärme. Rundherum Aussicht auf die Berge. Schön!

Für 100 Badegäste ist die Anlage 2019 fertig geworden. Wir sehen kaum 20 Leute. Im Wasser sind nicht einmal zehn. Weit entfernt von 100. Das haben sich die Betreiber mit Sicherheit anders vorgestellt, als sie beschlossen, die hiesigen heißen Quellen zu nutzen. Keine Busladungen voll Touristen. Wir sind die einzigen Ausländer. Die Isländer kommen wohl aus dem nahen Egelisstadur.

Wir bleiben viel zu lange in dem heißen Wasser. Als wir uns schließlich wieder zu den Autos schleppen, sind wir so kaputt, als hätten wir eine echte sportliche Einlage geliefert.

Auf dem nächsten Parkplatz in dieser eintönigen Stein- und Felslandschaft, machen wir die Autos aus und fallen ins Bett.

Wieder fit, steuern wir am nächsten Tag dem Ziel zu, das wir gestern wegen trägem Nichtstun nicht mehr erreicht haben: Den Dettifoss und den Selfoss – Islands größte Wasserfälle.

Als der Parkplatz in Sicht kommt, bin ich zunächst erschrocken: Viele Autos! Dann zähle ich nach – es sind ganze 15! Und der riesige Busparkplatz fristet ein verwaistes Dasein.

Nun ist es ja für viele mit Wasserfällen so wie mit Sonnenuntergängen: Hat man schon hundertfach gesehen, ist immer dasselbe. Langweilig.

Das eine verstehe ich genausowenig wie das andere.

Da stehen wir ganz alleine an dem gewaltigen Dettifoss, der in Zahlen – 40 m Falltiefe – anderen im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser nicht reichen kann. Ich genieße die Macht des Wassers mit allen Sinnen: Welch eine beeindruckende Masse und Wucht an Kraft rauscht hier seit Jahrtausenden herunter – ohne nachzulassen, ohne zu versiegen, ohne gebändigt werden zu können!  Und trotz seiner brutalen Gnadenlosigkeit, mit der er alles und jeden mit sich reißt, erscheint mir sein Fallvorhang wie eine gewellte Haarpracht.

Der Selfoss, nur etwa 1000 Meter stromaufwärts, wirkt eher wie sein kleiner Bruder. Allerdings glaube ich, dass sich das im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze so richtig Fahrt aufgenommen hat, gründlich ändert.

Wieder auf der Ringstraße 1 plötzlich ein erkaltetes Lavafeld. Ich laufe über erstarrte, aufgebrochene Lavablasen und fast gaukelt mir meine Phantasie glühendes Gestein unter den Bruchstellen vor. Es sieht tatsächlich so aus, als habe der Ausbruch gerade erst stattgefunden.

Von da an durchfahren wir Lavafelder in allen Stadien der Verwitterung. Regen und Wind haben zum Teil bizarre Formationen und Skulpturen kreiert.

Kein Wunder, denn wir nähern uns dem Vulkansystem Krafla.

Der Kratersee Viti – Hölle – tut, als könne er kein Wässerchen trüben, und täuscht unschuldig mit seinem makellosen, türkisblauen Wasser. Das Spucken und Werfen mit heißem Gestein hat er seit 1984 aufgegeben, nachdem er neun Jahre lang alles rausgehauen hat, was er konnte. Dafür lieben ihn Wolken von Blackflies. Das Mückennetz aus Kanada muss wieder seine Pflicht tun, als wir am Rand des Viti hinaufsteigen zu einem wunderbaren Lookout.

Es ist weniger die Gegend, die uns beeindruckt, und schon gar nicht das Kraftwerk, sondern die vielen Dampfwolken, die wir gar nicht weit von hier aus dem Gestein aufsteigen sehen.

Es ist das Lavafeld Leirhnjukur.  Ich weiß nicht, wie weit und wie lange wir dort gelaufen sind, immer vorbei an unzähligen fauchenden Steinhaufen und zischend dampfenden Löchern.

Lieber nicht daran denken, was sich so unter meinen Fußsohlen abspielt und wie

dünn hier der Erdmantel ist.

Besser nicht ausmalen, wie wir zur Winzigkeit schrumpfen, wenn hier die Hölle losgeht.

Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, sich zwar sicher zu fühlen und dennoch zu erleben, wie die Erde unter einem brodelt.

Zu erleben, wie heiß es im Erdinnern ist.

Zu hören, wie unsere Erde kocht.

Wir übernachten dicht an diesem unheimlichen Ort. Es kommt Sturm auf. Es pfeift ordentlich. Allerdings schaukeln unsere Autos nicht. Wir haben die Nase wohl in den Wind gestellt.

Ganz in der Nähe befindet sich Islands größter Krater. Die kurze Gravelroad zerlegt fast die Autos, denn diese Waschbrettoberfläche hat so tiefe Rillen, dass es nichts gibt, was nicht klappert, kracht, knarrt, kracht.

Einhundert Meter geht es hinauf zum Kraterrand. Die staubige, lose Lavaasche, aus der zwangsläufig der gesamte Krater besteht, erleichtert den Aufstieg nicht, aber ich stelle mir vor, dies im Regen tun zu müssen. Welch eine Sauerei!

Oben angekommen sind wir mal wieder ganz alleine. Allerdings pfeift der Wind so heftig, dass wir fast befürchten, wegzufliegen. Darum lassen wir das mit der Umrundung des Kraters. Ich will weder hineinfallen noch nach außen hinuntergeweht werden.

Der Krater ist gewaltig, beeindruckend und trocken. Er beherbergt keinen See. Ein Lavakegel ragt aus seinem Grund. Er sieht friedlich aus, konnte wohl auch mal ganz anders. Welche Massen glühenden Gesteins muss so ein Riesending rausgeschleudert haben!

Ja, der Krater hat auch einen Namen: Hverfell. Bloß nicht versuchen, das auszusprechen! Geht nicht. Ich habe es mir von einem Isländer vorsprechen lassen. Der hat Laute von sich gegeben, die ich noch nie gehört, geschweige denn gesprochen habe. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich diese Laute formen sollte. Da muss jeder Versuch scheitern. – Nicht, dass mich das nicht ärgert!

Am Godafoss können wir nicht vorbeifahren. Er hat zwar nur eine Fallhöhe von 10 Metern, fächert sich aber wunderbar breit auf. So ist er schon von Weitem ein Blickfang. Seine gesamte Schlucht ist imponierend, weil sich das Wasser an seinen vielen engen Stellen hindurchzwängt, springt, stürzt.

Nach einer stürmischen und regenreichen Nacht ist es am Morgen wieder friedlich am Godafoss, und wir wollen es heute nun endlich nach Akureyri schaffen. Müssen wir auch. Um 13.00 Uhr haben wir zum Covid19-Test zu erscheinen.

Natürlich finden wir das Testzentrum nicht sofort. Norbert redet mit dem Parkwächter, der bereits dienstbeflissen an zu lange parkende Autos Knöllchen verteilt. Eine Stunde Parkzeit reicht uns nicht. Der gute Mann zeigt Verständnis und drückt Norbert zwei Zettel in die Hand, auf die er „COVID“ geschrieben hat. Den sollen wir zu der Parkscheibe klemmen. Dann wisse er bescheid und werde uns kein Knöllchen geben. –  Was macht Corona nicht alles möglich!

Es ist noch keine 13.00 Uhr, aber am Testzentrum stehen die Leute schon Schlange. Die Abfertigung erfolgt zügig. Wir sind schnell wieder draußen – mit Tränen in den Augen, denn die Pulerei mit dem Stäbchen in der Nase war extrem gründlich und widerlich, nochzumal sie mit demselben Stäbchen durchgeführt wurde, wie der Abstrich im Mund.

Egal, hoffentlich war es das letztemal. Hier weiß man ja nie.

Dann auf zur Gasflaschensuche. Norberts zweite Gasflasche hatte Nerven gezeigt und auf den Gravelroads den wertvollen Inhalt rausgelassen. Der Verschluss hatte sich gelockert.

Ohne Gas kein Kaffee und keine Heizung. Morgens ist es selten wärmer als 5 bis 6 Grad, auch wenn es tagsüber manchmal durchaus 17 Grad wird.

Ich weiß nicht, wieviel Tankstellen wir abgefahren haben, jedenfalls wurden wir irgendwann fündig. Alles einfacher als gedacht: Die isländischen Flaschen passen auf unseren Anschluss. Kein Adapter nötig.

Gegen 21 Uhr piept mein Handy. SMS. Aha, die Covid-Leute. Ich erfahre zum drittenmal, dass ich negativ getestet wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob denen das reicht.

Meine Erfahrungen mit Wale-Watching-Touren gehören nicht zu den Großereignissen meines Lebens. Dennoch versuchen wir es noch einmal, als wir heute Dalvik erreichen.

Es ist nicht weit bis zum Ozean. Der Fjord ist hier fast zu Ende. Mit dem Speedboot sind wir schnell dort. Und dann sehen wir sie: Buckelwale! Ich will den sehen, der nicht fasziniert ist, sieht er ihn erst blasen, eilt hin, entdeckt seinen riesigen Körper,

dem er trotz seiner Tonnenschwere eine unglaubliche Eleganz und Leichtigkeit verleiht, mit der er durchs Wasser gleitet, mal ein wenig abtaucht, wieder nach oben kommt, bis er langsam wieder ganz verschwindet, nachdem er mit seiner Fluke scheinbar zum Abschied gegrüßt hat. Welch wundervolle, friedliche Riesen!

Wir sind froh, dass wir uns entschlossen haben, es noch einmal mit den Walen zu versuchen. Wie könnten wir es nicht sein!

Aber alleine schon die Fahrt mit dem Schnellboot ist ein Erlebnis. In wasser- und windfeste Overalls verpackt, hocken wir zehn Touris auf sattelähnlichen Sitzen. Das Wetter ist ruhig, die Wellen lang. Es macht unglaublich Spaß, sie mit hoher Geschwindigkeit zu kreuzen.

Und rundherum die hohen, bis zu 600 Meter reichenden Klippen des Fjords. An unendlichen vielen Stellen rauschen große und kleine Wasserfälle herab. Oben auf den Hängen haben sich noch viele Schneefelder gehalten. Sie wirken wie dekorative Tupfer auf dem dunklen Fels.

Und nun stehen wir hier irgendwo an der 76 mit dem Blick auf den Ozean, und ich lasse mal wieder den Tag sacken und bin froh, mich für diesen Island-Trip entschieden zu haben – auch wenn das Wetter nun wohl schlechter werden soll. So wirklichen Regen haben wir noch nicht erlebt. Gestürmt hat es immer nur nachts.

Dann erzählt Norbert etwas von Schneestürmen im Nordwesten Islands. Oh weh! Da wollen wir jetzt hin. Warum muss er auch immer auf seine Apps gucken!