Unsere Island-Reise 2020, Teil 4

Islandbericht, 4. September 2020, Parkplatz an der 61

von Renate Neuber

Mit 9 Grad ist es ziemlich kalt, als wir am Morgen des 2. September vom Parkplatz an der 76 Richtung Süden starten. Die Kälte allein ist nicht so schlimm, aber freundlicherweise kommen noch Nebel und pfeifender, starker Wind hinzu.

Gut, es ist September, wir befinden uns im Norden Islands, und dort auch noch an der Küste. Schade ist nur, dass mir das neblig-diesige Wetter die Schönheiten des Fjords Skagafjördur verhagelt.

Wenn es etwas in Island nicht gibt, dann sind es Leitplanken. Auch hier am Fjord sucht man sie vergeblich. Die Seitenkanten der Fahrbahnen sind in Island grundsätzlich nicht befestigt. Wir fahren entgegen des Uhrzeigersinns, gucken also immer rechts in den Abgrund. Die Straße ist nicht breiter als unbedingt nötig. Ich stelle das Atmen ein, wenn mir ein LKW entgegenkommt – 90 Kilometer pro Stunde darf man hier fahren. Und das machen die.

Wir überqueren am Ende des Fjords ein großes Deltagebiet mehrerer Flüsse, die hier in den Fjord münden. Hinter dem Vorhang aus Nieselregen und Nebel kann ich allerdings nur ahnen, welch ein Dorado das vor allem für Vögel ist. Sehen kann ich leider nichts. Ich muss auf die Straße achten. Lenker festhalten. Der Wind pfeift und rüttelt das Auto.

Vielleicht ist es im Inland nicht so schlimm. Außerdem habe ich heute genug Küste nicht gesehen, nur geahnt. Wir biegen auf die 744 ab, um quer über die Landzunge Skagaheidi an den nächsten Fjord zu kommen.

Pech, nichts als Nieselregen und starker Wind. Der Fluss, der uns begleitet, verschwindet neben uns in einer Schlucht. Auf einem befahrbaren Schotterfeld halten wir an. Ich will wenigstens mal einen Blick auf den Fluss und in die Schlucht werfen. Ich kämpfe mich tapfer bis auf eine kleine Anhöhe durch, setzte die Kamera dem Regen aus – kleine Opfer muss auch sie bringen – nur zu filmen gibt es kaum etwas. Natürlich ist hier nicht viel von der Schlucht zu sehen. Und die Aussicht beschränkt sich auf einen Blick in nassen Nebel.

Der kleine Ausflug reicht, dass ich durchgefroren und pitschnass wieder ins Auto komme.

Das kann ich aber alles gut wegstecken, denn mein eigentliches Ziel für heute liegt viel weiter im Süden. Ich will zu dem Hochtemperaturfeld Hveravellir. Anders als in Hverir, wo gruselige, dunkle Schlammlöcher kochen und schwarzen Modder ausspucken, blubbert dort nur klares Wasser, dass sich in den verschiedensten Farbtönen zeigt. Die Straße 35 führt direkt dort hin.

Aber zunächst erschüttern die Schlaglöcher der 732 unsere Autos. Norbert hat schon keine Lust mehr. Will nicht weiter. Ich rede auf ihn ein. Gut, er kommt mit. Lang ist die 732 ja nicht. Bald geht es auf der 35 weiter.

Mir kann die Buckelpiste nichts. Ich freue mich auf das Ziel. Auch auf den Weg dort hin, denn die 35 in das dort noch flache Inland.

Hinter einer scharfen Rechtskurve beginnt sie. Ist ausgeschildert. Nennt mein Ziel. Aber mich trifft der Schlag! Dort auf dem Schild steht F35! Auf drei Straßenkarten und in zwei Reiseführern geht sie als 35 durch.

Ich könnte schreien! Das „F“ vor einer Straßennummer bedeutet, dass diese Straße nur mit einem Allradfahrzeug gefahren werden darf. Wieso steht das auf keiner Karte? Ja, ich weiß, dass sie nicht einfach zu befahren sein soll. Aber das ist doch kein Grund, sie für mich zu sperren! Fahr ich eben langsam. Und was sind wir in Kanada für Straßen gefahren! Da gab es überhaupt kein „F“ für irgendwelche Pisten. Himmel, da kann diese lächerliche 35 nicht schlimmer sein! Berge sind nicht zu erklimmen.

Soll ich also trotzdem fahren? Einfach so lange, bis es vielleicht nicht mehr geht? Umkehren geht immer. Wer sollte mich hindern?

Norbert ist unruhig. Er versteht mein Zögern nicht. Das „F“ sagt ihm offenbar nichts.

Ich wende. Es hat keinen Sinn. Irgendetwas wird die Behörden bewogen haben, vor die 35 das verhasste „F“ zu setzen. Ich will Norbert auch nicht unwissend mitschleppen. Ich erkläre, warum ich umdrehe. Er ist sofort einverstanden.

Wir juckeln zurück auf der buckligen 732. Ich bin grenzenlos enttäuscht und zornig. Zornig auf die Straßenkarten, zornig auf die Reiseführer, zornig auf die Behörden, zornig auf meine blöde Vernunft und ganz besonders zornig auf jedes Allradfahrzeug, dem ich begegne oder das mich überholt. Das trifft auf 90 % der Autos zu. Ich habe also zu tun.

Wieder auf der Ringstraße 1 Richtung Blöndous habe ich vor lauter Traurigkeit keinen Blick für den mäandernden Fluss Blanda, der uns begleitet. Er bildet hunderte kleine Inseln, die vermutlich Heimat unzähliger Vogelarten sind, vor allem für Wasservögel. Aber der starke Wind und die Regenschwaden lassen sowieso keine Beobachtung zu.

Außerdem scheint der Wind noch zugenommen zu haben. Entgegenkommende LKW erschüttern mein Auto, und ich habe manchmal Mühe, die Spur zu halten.

Nicht, dass sich das Wetter am nächsten Tag ändert. Trotzdem: Wir wollen in den ausgefransten, von vielen Fjorden stark zerklüfteten Nordwesten Islands. Es der am wenigstens von Touristen heimgesuchte Teil des Landes. Jetzt, in Coronazeiten, werden wir wohl zu ziemlich die einzigen sein.

Also ab auf die 68 und in den Nordwesten, der wie ein nicht dazugehörendes Anhängsel Islands wirkt.

Hauptbeschäftigung: Lenkrad festklammern! Es stürmt! Und auf die rechte Straßenkante achten! Knapp geht es am Abgrund entlang, denn wie üblich gibt es keine Leitplanken. Hier noch nicht einmal Fahrbahnbegrenzungen. Regen und Nebel verhindern jede Sicht auf die vermutlich schöne Küste.

Zwischendurch zwei lange Gravelroadstrecken. Ich glaube, hier sind alle Schlaglöcher Island vereint. Tausende sind hier, nicht groß, aber tief. Dicht an dicht erschweren sie das Fahren und lassen bei jedem Fahrfehler den Inhalt sämtlicher Schränke krachend drucheinanderrappeln. Es geht pausenlos rauf und runter, gerne auch haarnadelartig um die Kurve – bitte höchstens mit 20 km/h. Mir ist das zu schnell. Ich sehe nicht, wohin ich fahre. Es ist wie ein Blindflug. Wir sehen wenig von der Straße, von der Landschaft gar nichts.

Irgendwann sind wir platt. Endlich ein Parkplatz. Nix wie hin. Angehalten. Die Autos schwanken im Wind. Der kommt woher? Aha, aus Norden. Die Autos dahin ausgerichtet. So stehen sie stabiler.

Ziemlich fix und fertig gönnen wir uns noch ein Bier, gucken irgendeinen Krimi in Norberts Auto – und uns manchmal entsetzt an, wenn der Sturm so böse bockt und so laut krachend über das Auto herfällt, das uns schon etwas angst und bange wird.

Das geht die ganze Nacht so.

Dann klart es auf. Die Sterne zeigen sich. Leider ist Vollmond, und der erhellt den Himmel, so dass in dieser Helligkeit keine Nordlichter zu sehen sind. Und die gibt es heute Nacht. Leider nicht für uns. Ich suche immerwieder den Himmel ab. Nichts. Nur lästige Helligkeit.

Am Morgen scheint die Sonne. Tatsächlich! Kaum Wolken am Himmel. Gut, es stürmt noch immer, aber der Sonnenschein wiegt stärker. Gleich ist die Laune besser, auch wenn die Nacht eher schlaflos war.

Wir freuen uns heute auf die Hot Pots, die heißen Quellen.

Dazu müssen wir aber zunächst mal rauf ins Hochland. Mit 10 % Steigung geht das recht flott. Gilt der gesamte Nordwesten als kaum bewohnt – hier wohnt überhaupt niemand. Die Landschaft ist großartig – wenn man sie denn mag, diese riesige, leere Weite.

Diese tote Geröllwüste, die kein sichtbares Leben zulässt.

Diese Flüsse, die sich durch die nackten Felsen kämpfen, tiefe Schluchten auswaschen und über Klippen springen.

Berge, die nichts als kalten Stein zeigen.

Andere Höhen, die noch immer mit ihren weißen Schneefeldern leuchten.

Nirgendwo auch nur ein Grashalm.

Der Wind pfeift. Aber die Sonne strahlt und lässt all das freundlich erscheinen.

Nur haben die Straßenbauer leider nicht an mich gedacht. Die Straße ist zwar gut befahrbar, aber es gibt keine Parkbucht, keine Möglichkeit anzuhalten, um zu filmen, zu fotografieren, zu genießen.

Ich könnte einfach mal anhalten. Hier kommt sowieso niemand. Aber ich trau mich nicht, denn es folgt eine blinde Kuppe nach der anderen, viele Kurven. Diesen einen Autofahrer, den es hier möglicherweise gibt, würde ich nicht sehen und er uns auch nicht.

Außerdem geht es steil bergauf. Da halte ich auch ungern.

Also weiter, die Eindrücke als Erinnerung verpackt.

Unauffällig geht es bergab und schon sind wir wieder in Meereshöhe. Und wieder zeigt sich hier auf der Straße entlang der Fjorde hinter jeder Kurve ein noch schönerer Ausblick auf Küste und Meer.

Unser Ziel ist Reykjanes, sein Hot Pot und sein Campingplatz. Ausgiebiges Duschen wäre jetzt herrlich. Gibt es da alles. Viel mehr aber auch nicht. Nur noch ein riesiges Hotel und eine Zapfsäule für Sprit. Aus mehr besteht der Ort nicht.

In Coronazeiten auch nicht aus Menschen. Keiner da. Alles tot. Alles geschlossen.

Am nächsten Fjord finde ich noch zwei Stellen mit heißen Quellen. Dazu nehmen wir eine unbequeme Gravelroad inkauf. Enttäuschung – auch hier zeigt sich keine Menschenseele. Alles ausgestorben. Keiner da.

Wir erfreuen uns noch einige Kilometer daran, bei diesem herrlichen Sonnenschein und inzwischen eingetretener Windstille noch zwei dieser naturschönen Fjorde abzufahren.

Dann halten wir auf einem Parkplatz mit Blick auf den Fjord und die Hohen Berge auf der anderen Seite des breiten Fjordes Isafjardardjüp mit seinen vielen und großen Schneefeldern und möglicherweise auch Gletschern. (Den Namen muss niemand versuchen auszusprechen. Es muss auch niemand wissen, wo das ist – nur diejenigen, die sich genau dafür interessieren.) Es ist ein wunderbarer Platz mitten in dieser großartigen Natur.

Nur Aurora werden wir wieder nicht sehen, denn Vollmond ist noch immer.