Unsere Island-Reise 2020, Teil 5

5. Islandbericht

Pingeyri, 7. September 2020

Das Überflüssigste, das die Welt je erfunden hat, sind Wetter-Apps. Ich habe keine. Bin überhaupt app-los unterwegs und habe bisher einigermaßen überlebt.

Norbert liebt seine tausend Apps, ganz besonders die Wetter-App. Regen hat sie für heute gemeldet. Also sind wir gestern auf den hiesigen Campingplatz und haben ihn gleich für zwei Nächte gebucht. Schließlich soll es ja regnen, und vor uns liegt der Pass über das Gebirge auf einer Gravelroad.

Und was ist? Es ist trocken. Vorsichtig lugt der blaue Himmel hier und da hervor. Und seine Bemühungen tragen Früchte. Sogar die Sonne gewinnt manchmal. Das ideale Wetter für den Pass.

Nicht, dass mich das wundert.

Norbert freut sich und baut bei diesem herrlichen Wetter seine Antenne auf. Rundherum sind allerdings hohe Berge, der Fjord öffnet sich nach Westen. Prima, dann kann er wenigstens Corona-Amis erreichen.

Die Straße 60 hier her nach Pingeyri von Isafjördur aus ist befestigt und führt – wie kann es anders sein – über hohe Berge. Zumindest wirft das die Straßenkarte aus. Sehen können wir unterwegs nichts davon. Wirklich gar nichts außer Regen und Nebel.

Es darf ja auch schön sein, was man nicht sieht.

Um Isafjördur herum, das ganz oben im Nordwesten des Nordwestens liegt, haben die Isländer ein imponierendes Tunnelsystem angelegt. Noch weiter nordwestlich von Isafjördur liegt Bolungarvik. Dann ist die Welt zu Ende, aber sie haben einen fast neun Kilometer langen Tunnel durch den Berg gepult. Nur für diese eine Stadt, die allerdings überraschend groß ist – für isländische Verhältnisse. Also ca. 1500 Einwohner, adrett und offensichtlich ohne finanzielle Not. Keine Ahnung, wovon die Leute dort leben. Mir fallen nur Fisch- und Walfang ein.

Und dafür solch einen Tunnel!

Westlich von Isafjördur führt die Straße 60 durch einen weiteren, fast 10 Kilometer langen Tunnel, der sich auch noch teilt. Rechts geht es nach Sudureyri, wo es außer einer Tankstelle, einem Campingplatz und einem Hotel kaum noch was gibt.

Ach ja, ein Hot Pot soll dort noch sein, aber vermutlich ist der auch nur wieder ein schöner Glaube der Kartenzeichner.

Wir nehmen den linken Abzweig des Tunnels und fahren nach Westen. Nun einspurig, aber es gibt ausreichend Ausweichplätze. Gleich hinter dem Tunnel liegt uns der nächste Fjord zu Füßen – soweit ich das durch den Regenschleier erkennen kann.

Ein hübsches Brücken- und Deichsystem bringt uns hinüber auf die andere Seite, dann rauf in die Berge. Nicht weiter aufregend. Die Straße ist gut. Sicht ist nicht vorhanden.

Mies ist nicht nur das Wetter, auch unsere Laune. Die dicken Wolken verhindern fast jede brauchbare Helligkeit, so dass unsere Solarzellen auf dem Autodach ihren Job einstellen.

Da die Lichtmaschine des Motors meine schwachen Batterien nicht lädt – das ist eine ganz eigene Geschichte, die zu erklären hier zu weit führt, aber der eine oder andere kennt diese Story – brauche ich Strom von außen. Erst recht für zwei Tage. Also bleibt uns nur der hiesige Campingplatz.

Überflüssig zu erwähnen, dass wir hier die einzigen sind.

Mit „hier“ meine ich Pingeyri. Ob dieser Ort tatsächlich so heißt, weiß ich nicht, denn der Anfangsbuchstabe ist nicht von dieser Welt. Es ist ein „Þ“. Also bin ich in Þingeyri. Aber wie um alles in der Welt soll ich das aussprechen? Ich habe also einfach dreist ein „P“ daraus gemacht.

Die Isländer mögen mir verzeihen.

Mein Navi sagt einfach: Kenne ich nicht.

Bei der Aussicht für morgen auf eine möglicherweise rutschige und schmierige Bergpiste, habe ich die Hoffnung gepflegt, dass der neue Tunnel durch den Berg fertig ist. Kurz vor Pingeyri soll er beginnen. Fertigstellung im September 2020 sagt meine Straßenkarte. Schilder und großspurigen Ankündigungen bestätigen das. Aber die neue Straße zum Tunnel ist noch gesperrt. Wir haben wohl noch nicht genug September.

Dann also morgen die Schotterpiste über die Berge. Ich rechne dann mit dem Regen, den die Wetter-App für heute versprochen hat.

Um uns mit unserer falschen Wetter-Reise-App-Entscheidung zu versöhnen, gehen wir am frühen Abend ins Hallenbad. Ist gleich hier nebenan. Drei kurze Bahnen zum Schwimmen und – das ist nun wirklich toll – draußen mit einem Hot Pot. Keinem natürlichen, aber einem heißen. Blick auf die Berge, Sonnenliegen rundherum – auch Wikinger sind Optimisten.

Ich bleibe nicht lange alleine, denn mit in den Pool steigt eine ältere Dame. Sie kann kein Englisch und schon gar kein Deutsch. Aber wir verständigen uns darauf, dass ich aus Deutschland komme – klar, in diesem kleinen Ort fällt jeder Fremde sofort auf, als sei er buntkariert.

Und dann haut die Dame die einzigen drei deutschen Worte raus, die sie kennt und die sie wohl irgendwann mal in ihrer Jugend aufgeschnappt hat: „Deutschland, Deutschland über alles!“

Das ist mir noch nie und nirgendwo passiert.

Reykjafjardarlaug, 8. September 2020

Das ist gar nicht so schlecht, bei 8 Grad Außentemperatur draußen zu baden. Für ein Weichei wie mich, muss dann freilich die Wassertemperatur stimmen: 32Grad! Das ist recht.

Einfach so neben der 63 garantiert eine heiße Quelle diesen Spaß. Die Isländer haben hier ein Betonbecken gebaut, groß genug, um ein paar Schwimmzüge zu machen. Fertig.

Die heiße Quelle selber liegt 50 Meter weiter weg in einer Wiese. In dem winzigen, aufgestauten Naturbecken kann man natürlich auch ins Wasser, aber es nicht nur sehr flach, sondern vor allem sehr heiß.

Muss ich nicht haben. Mir reicht dieses herrlich warme Wasser des Pools mit Blick auf Fjord und Berge.

Hinter uns liegen 88 Kilometer Gravelroad. Die fängt gleich hinter Pingreyri an. Rauf auf die Berge, runter von den Bergen, wieder rauf, wieder runter, rum um die engen Kurven, beten dass nicht ausgerechnet auf einer der vielen blinden Kuppen jemand entgegenkommt und auch kein Schaf steht.

Nicht anders fühlt es sich bei den Kurven an, egal wie eng sie sind. Wenn es stark bergauf geht, und die Straße im Himmel zu enden scheint, bleibt eventueller Gegenverkehr so lange unsichtbar, bis es knallt.

Wir haben Glück, es knallt nicht.

Dazu geht es wie gehabt gleich rechts neben mir tief hinunter bis zum Fjord. Das könnte sich lohnen, so von 400 Meter runter bis auf Meereshöhe und – platscht! Keine Leitplanten, keine irgendwie geartete Begrenzung.

Diese Nummer 60 ist die einzige Straße aus dem Nordwesten nach Reykjavik. Sollte der Tunnel mal fertig sein, verkürzt sich dieses Straßen- und Fahrvergnügen um 60 Kilometer.

Dann aber führe man am Dynjandi vorbei. Dieser wohl schönste Wasserfall Islands präsentiert sich schon von der gegenüberliegenden Seite des Fjords. Oben schmal, dann aber sich immer weiter auffächernd erreicht er nach knapp hundert Metern Fallhöhe eine Breite von 90 Meter.

Die Wasser fallen nicht einfach so hinunter, sondern springen über unzählige kleine Felsen den Berg hinab und werden so immer breiter. Das sieht großartig aus. Aber auch dann wandelt sich der Dynjandi nicht einfach in einen Fluss. Nein, er spaltet sich in weitere große und kleinere Wasserfälle auf, so dass ein ganzes System von ihnen entsteht.

Es ist einzigartig schön, und ich will ganz hinauf, dorthin, wo das aufgefächerte Wasser endet. Der Weg ist nicht weiter schwierig, wenn auch steil und steinig, aber der heftige Wind haut mir beim Klettern manchmal fast die Füße weg, so dass ich mehr als einmal ins Taumeln gerate.

Aber ich will unbedingt nach oben.

Andere wollen das auch. Die „anderen“ sind nur zwei deutsche Gruppen aus 4-5 Personen, aber sie nerven, denn jeder muss jedem mit jedem und für jeden auf dem großen Stein vor dem Wasserfall stehen und Männchen für die nächste Whats-App-Nachricht machen! Endlos! Ich will aber den Wasserfall ohne affig zappelnde Typen filmen und fotografieren.

Ich übe mich in Geduld, bis ich alleine bin. Als das Schnattern der Leute weniger wird, mache ich meine Aufnahmen.

Beim Weg hinunter ist wieder der Sturm mein größtes Problem, aber alles geht gut.

Wir fahren weiter. Die Straße wird noch schlechter. Jetzt reiht sich wieder Schlaglöcherfeld an Schlaglöcherfeld, verziert mit längs verlaufenden Regenrillen. Dazwischen dicke Steine, halb im Boden versunken. Wieder geht es kurvenreich hinauf auf 500 Meter Höhe. Ich bin froh, dass es trocken ist. Bei Regen dürfte das eine harte Nummer sein. 

Ich mag diese Art des Autofahrens ja recht gerne, obwohl (oder weil?) diese Fahrerei anstrengend und anspruchsvoll ist. Es ist keine Raserei. Wir zuckeln mit 30 km/h über die Berge. Andernfalls flögen uns unsere Autos um die Ohren.

Unten am Fjord biegen wir auf die 63 ab. Noch immer Gravelroad. Sie ist noch ein bisschen ruppiger als die 60, aber sie führt hier unten am Fjord entlang. Höhen sind keine mehr zu erklimmen. Und bald ist die Straße ja wieder befestigt.

Außerdem gibt es hier diesen Hot Pot. Der entspannt die verkrampften Muskeln wieder.

Wir stehen hier am Schwimmbecken mit Blick auf den Fjord und die Berge. Dahinter verschwindet gerade die Sonne und färbt die Wolkenlücken gelb. Der Wind hat sich gelegt.

Es ist friedlich und still hier.

Und jeden Abend hoffe ich auf Aurora. Bisher vergeblich.

Schotterplatz an der 60 am Kerlingarfjördur, 9. September 2020

Wenn man so richtig kaputt ist, sinken die Kriterien für einen Nachtplatz – die normalerweise bei mir himmelhoch hängen – mit jedem Kilometer. So ist das heute. Über 200 Kilometer am Tag sind einfach zu viel.

Schon am Morgen ist es nieselig und neblig, die Wolken liegen fast auf der Straße. Ob es bereits Tag und hell ist, sagt mir nur der Blick auf die Uhr.

Wir kommen spät los, haben lange geschlafen, denn nachtschwärmerische Isländer badeten lautstark bis halb vier früh in dem Hot Pot, an dem wir die Nacht verbracht haben.

Ich weiß, dass wir heute drei Pässe hinter uns bringen müssen, aber da die 63 nur noch etwa 15 Kilometer Schotterpiste ist, beunruhigt das nicht. Die Straße über die Berge ist befestigt. Bei Regen ist es keine Freude, auf Lehm und Schotter Höhen zu erklimmen.

Irgendwie gehen sie uns dennoch in die Knochen. Die Straße ist gut, aber diese Anstiege von 10-12%, die sich ewig hinziehen, kein Ende nehmen wollen, immer wieder um uneinsehbare Kurven und über blinde Kuppen führt, ohne dass man vom Gas gehen darf, hinterlässt Spuren.

Es geht jeweils rauf auf rund 500 Meter. Sicherlich ist die Aussicht auf die Berge, die Schluchten, die hinabstürzenden Flüsse und Flüsschen, die unzähligen Wasserfälle und nicht zuletzt der Blick auf die Fjorde schlicht atemberaubend – würde ich von ihnen mehr sehen als nur Schemen. Alles um uns herum ist dicht verpackt in Wolken und Nebel. Der dauernde Nieselregen erheitert auch nicht. Es wird noch nicht einmal richtig hell.

So verpassen wir weitgehend einen schönen Teil des Landes, in dem keine Menschenseele wohnt, kein noch so vergammeltes Haus rückt ins arg eingeschränkte Sichtfeld. Selbst die Schafe mögen es hier nicht, denn außer kurzes Moos gibt es hier auch für sie nichts zu fressen.

Hier kann sich nur das Auge an der Landschaft erfreuen – wenn es sie denn sehen würde.

Als wir die Südküste dieser nordwestlichen Halbinsel Islands am Breidafjördur erreichen, wird die Sicht schlagartig besser. Ich will nicht von tollem Wetter reden, aber nach so viel Trübnis in den Bergen, erfreut sich das Auge an der vor ihm liegenden Ansicht auf das Meer.

Wir entdecken sogar Sandstrände! Halten oder gar übernachten können wir nirgendwo. An Parkplätze hat hier niemand gedacht. Schon seit geraumer Zeit und etlichen Kilometern nicht. 

Dann geht die 62 wieder in die 60 über. Spätestens jetzt wollen wir nur noch einen Nachtplatz finden. Egal welchen. Ganz egal wo. Aber dennoch ist Vorsicht geboten, denn die Stellen, an denen wir die Fahrbahn verlassen können, bestehen aus tiefem Gravel, und aus dem kommen wir nicht mehr raus.

Dann finde ich eine Stelle, an dem die Steine weniger grob sind und fester zu liegen scheinen. Linker Blinker raus und hin.

Und da stehen wir jetzt, direkt neben der Fahrbahn, die am Fjord entlangführt.

Nein, Autos dürften hier weniger nerven, denn schon jetzt kommt nur zwei pro Stunde vorbei.

Ich hoffe auf eine ruhige Nacht.