Unsere Island-Reise 2020, Teil 6

6. Islandbericht
50 km vor Reykjavik, Südseite des Hyalfjördurs

von Renate Neuber

Die letzte Gravelroad in den Westfords liegt hinter uns. Man sieht es. Die Piste, vom Regen schmierig geworden, fordert uns noch einmal15%-ige Steigungen ab. Warum die immer in einer engen Kurve enden müssen, die absolut nicht einsehbar ist, bleibt ein isländisches Geheimnis.

Keine handvoll Autos kommt uns entgegen, aber dennoch klebt der Matsch vor allem an der Fahrerseite bis hinauf zum Dach. Der Dreck an Seitenspiegel und -fenster macht die Nebelfahrt noch ein bisschen undurchsichtiger.

Dieser Dreck stört und wird notdürftig beseitigt. Der Rest Matsch bleibt. Ich weiß sowieso nicht, wie wir den loswerden können. Außerdem sehen alle anderen Autos in dieser Region nicht anders aus. Lästig sind nur die dreckigen Finger, sobald ich nur einen Türgriff anfasse. Also mache ich die auch noch sauber. Fast sauber.

Dort, wo von der 60 die 590 abgeht, haben wir die Entscheidung zwischen Pest und Cholera: Geradeaus führt die befestigte 60 über den Pass. Nicht die 500 Höhenmeter sind das Problem, sondern der Nebel. Dort oben müssen wir uns durch so dicke, weiße Suppe kämpfen, dass ich manchmal glaube, sie greifen zu können. Das kennen wir inzwischen. Davon möchten wir nur ungern mehr. Von hier unten können wir die Berge kaum sehen. Nur die Karte spricht da eine klare Sprache.

Die Cholera-Lösung besteht aus der 590, Gravelroad, einmal um die Halbinsel Skardsströnd, dreimal so lang wie die Geistertour über die Berge. Aber dort ist die Sicht erheblich besser. Geradezu offen…so, im Vergleich.

Aber es regnet. Es gießt. Es stürmt.

Wir wählen die Cholera.

Es sieht nach der richtigen Wahl aus. Die paar Steigungen von maximal 10% sind inzwischen pille-palle. Der Untergrund ist fest. Das ist wichtig.

Leider nicht lange. Es wird lehmig und damit glitschig. Dazu kommen Tausende dieser eng an eng liegenden, bratpfannengroßen Schlaglöcher, die jede Piste in einen Acker verwandeln.

Das Auto rumpelt und kracht. Also ja nicht schneller als 25 km/h fahren. So bleibt das Krachen erträglich. Bei den100 Kilometern, die vor uns liegen, haben wir lange was davon.

Na, und mit den schlechten Straßen ist das so ähnlich wie mit dem Gras, das immer jenseits des Zaunes am besten schmeckt. Die Schlaglöcher sind auf den rechten Fahrbahnhälfte grundsätzlich schlimmer, zahlreicher, tiefer, der Schmier noch schmieriger als links. Also fahre ich fast ausschließlich links. Gegenverkehr gibt es praktisch nicht. Es überholt auch niemand. Ich habe das Gefühl, kein anderer ist so blöd und tut sich bei diesem Wetter eine solche Tortur an.

Von links rücken jetzt die steilen Felsen dicht an die Straße. Hier liegen zu beiden Seiten der Piste Hunderte riesiger Felsbrocken. Alle von den senkrechten Felswänden heruntergekracht, gerne über den Fahrweg gerollt, irgendwann liegengeblieben. Ein Koloss liegt direkt auf dem linken Fahrbahnrand. Ich schiele unentwegt skeptisch auf die Felsen neben mir und erwarte jeden Augenblick den nächsten Hinkelstein, der vor mein Auto rollt. – Oder über mein Auto hinweg.

Es rollt kein Stein.

Inzwischen hat der Regen mächtig zugelegt, es gießt wie aus Eimern, die Schlaglöcher laufen über und verstärken den schmierigen Dreckfilm auf der Piste.

Zu Hause muss ich vermutlich zum Augenarzt, will ich ständig glaube, ununterbrochen schielen und überall gleichzeitig hingucken zu müssen: Links auf die drohenden Hinkelsteine, die die Felsen ausspucken könnten, geradeaus auf die schmierige Fahrbahn mit ihren unzähligen Schlaglöchern und rechts auf die wunderschöne Küste mit ihren vielen kleinen vorgelagerten Inseln und Inselchen.

Ich muss Prioritäten setzen.

Als der Regen nachlässt, legt der Wind zu. Heftig zu. Es stürmt.

Es ist keine Fahrt zum Ausruhen, denn der Sturm versucht, mein Auto aus der Spur zu drücken. Der Matsch hilft ihm dabei. Ich kralle das Lenkrad fest. Das artet in schwere Arbeit aus.

Als wir an der westlichen Spitze einen ganz tollen Viewpoint erreichen, denke ich nur für eine Sekunde daran, für heute Schluss zu machen, hier zu bleiben, den herrlichen Blick bis weit auf den Atlantik hinaus mit seinen jetzt im Sturm weißen Wellen und auf die zahllosen kleinen Inseln vor der Küste genießen.

Nix da. Der Platz ist zu eng, als dass wir die Fahrzeuge in den Wind drehen könnten. So aber schwanken sie geradezu bedenklich. Außerdem lassen sich die Türen gegen den Sturm kaum öffnen oder schließen.

Das würde ungemütlich werden.

Also weiter.

Die üblicherweise dünne Lehmschicht wird tiefer. Woher kommt dieser Lehm? Den gibt es in Island doch sonst nicht auf den Straßen.

Wo nämlich tiefer Lehm ist, da sind auch Spurrillen. Die haben mir gerade noch gefehlt! Jetzt ist alles zusammen: Schmierige Oberfläche, Schlaglöcher, Steine, Spurrillen, Sturm von der Seite! Fehlt noch was? Ach ja, Steigungen. Aber die bleiben tatsächlich aus.

Schwerstarbeit am Lenker und mit 20-25 km/h kaum ein Vorankommen.

Ganze drei Autos kommen uns im Laufe des Tages entgegen. Wenn es eine Rankingliste für zu befestigende Straßen geben sollte – bei einem solchen Verkehrsaufkommen sammelt die 590 keine Prioritätspunkte.

Abends erfahren wir in Budardalur, dass es eine Unwetterwarnung für die Westfjorde gibt. Gut, dass wir sie gerade hinter uns haben.

Es bleibt kalt. Tagsüber schafft es das Thermometer nicht über 7 Grad. Auch der Wind bleibt. Allerdings regnet es nicht.

Wir wollen die Halbinsel Snäfellsness auf der 54 umrunden. Das beginnt mit 60 Kilometern Gravelroad. Macht aber nichts, denn die lässt sich prima befahren.

Die Berge ragen hier nicht direkt am Fjord in die Höhe. Sie lassen einer hügeligen, weiten Ebene Platz. Die schwarzen Vulkanberge wirken vor allem unter den heute dunklen Wolken bedrohlich.

Wir durchfahren ein in unzählige, bizarre Skulpturen zerfallenes Lavafeld. Das kenne ich schon aus anderen Gebieten Islands. Hier aber ist die zerfallene Lava mit grünem Moos überzogen, so dass jene Skulpturen fast lebendig wirken.

Überall aus den Berge rauscht und fällt Wasser in langen, mehr oder weniger breiten, aber immer sehr tiefen Fällen herab, als würden die Felsen vor Feuchtigkeit geradezu triefen. Es verleiht ihnen etwas Urwüchsiges, Unbeherrschbares, Mächtiges.

Der Kirkjufell ist schon von weitem zu sehen. Er ist ein steiler, geradezu perfekter, spitzer Kegel. Der riesige Parkplatz gleich nebenan zeigt, dass hier Busladungen von Menschen herkommen, um ihn zu bewundern.

Das macht man besten vom Kirkjufelfoss, dem Wasserfall, aus. Der ist nur wenige Minuten vom Parkplatz entfernt. Wo sonst üblicherweise Hunderte entlangtrampeln, sind wir heute alleine hier. Er ist wieder ein System großer und kleinerer Fälle, nicht spektakulär riesig, aber schön anzusehen.

Um die Halbinsel wirklich zu umrunden, biegen wir auf die 574 ab. An der Nordwestküste lohnt es sich, Abstecher bis an die Küste zu machen. Wir haben herrlichen Sonnenschein. Fast Windstille. Das ist es ein Genuss.

Wir haben ihn schon von der Nordseite her gesehen, den Snäfellsjökull, der der Halbinsel seinen Namen gab. Sein perfekter Kegel ist vergletschert und sieht im Sonnenschein einfach toll aus. Der Blick von Süden her enttäuscht mich, denn entweder sehe ich den Kegel nicht oder es liegt tatsächlich kaum noch Schnee dort oben. Seine Hänge sind hier extrem erodiert und scheinen den Berg aufzulösen.

Aber vielleicht ist das ja auch nur mein Eindruck.

Das schöne Wetter bleibt. Wir sind wieder auf der 54, biegen auf die 1 und dann auf die 50 ab. Dort stoßen wir auf eine der ergiebigsten Heißwasserquellen Islands, die das weiter Umland versorgen. Den Dampf sehen wir schon von Weitem.

Vor Ort dampft alles. Aus zahlreichen Quellen sprudelt das 100 Grad heiße Wasser.

Für viel Geld gehen wir dort auch in die Hot Pots. Die sind natürlich keine 100 Grad heiß. Die einzelnen Pools haben unterschiedliche Temperaturen, von 38 bis 42 Grad darf man wählen. Für mich sind sie alle zu warm, um sie lange und ausgiebig genießen zu können.

Der Hraunfossar ist mit seinen knapp 10 Metern Fallhöhe nicht spektakulär, aber seine immense Breite von 700 Metern macht ihn schon bemerkenswert. Kein Fluss speist ihn. Das Wasser scheint aus dem Nichts zu kommen, wenn das dunkle Lavagestein es freigibt. Nur dieses Gestein speist diese Fälle.

Die Sonne geht gerade unter, und das Abendrot leuchtet als Gegenlicht auf das Weiß des Wassers vor den schwarzen Felsen. Ein Geschenk.

Wir freuen uns auf die für heute anstehende Gletschertour mit umgebauten Militärfahrzeugen und eine anschließende Wanderung durch eine Gletscherhöhle.

Nix da. Keine Touristen, keine Touren. Der Campingplatz hat seit heute geschlossen. Der Tourenunternehmer ist ohnehin pleite und sein Nachfolger ein Opfer der Corona-Touristik.

Wir können gerade noch unsere Toiletten entleeren und Wasser auffüllen. Mehr geht nicht.

Mal sehen, was uns Reykjavik zu bieten hat. Ist ja nicht mehr weit bis dort.