Unsere Island-Reise 2020, Teil 7

7. Islandbericht – Gullfoss, 19. September 2020

von Renate Neuber

Gegen drei Uhr nachts kommen Sturm und Regen auf, während wir uns doch noch wenige Stunden vorher über das ruhige, trockene Wetter gefreut haben, als wir am Hyalfjörður unser Nachtlager aufschlugen. Unsere Autos sind allerdings sorgfältig in Windrichtung geparkt, denn nichts ist hier so gewiss wie die Unbeständigkeit des Wetters.

Aber der Sturm ist unheimlich, unterstützt vom Trommeln des Regens. Ich spähe nach draußen, habe die Idee, von hier wegzufahren, denn wir stehen ziemlich exponiert auf diesem Parkplatz am Wasser. Das gesamte Auto rappelt trotz der windschnittigen Ausrichtung.

Ich sehe allerdings nichts außer tiefe Schwärze. Hier komme ich jetzt nicht weg. Aber das war es dann auch mit dem Schlaf. Ich lausche nur auf Sturm und Regen und rechne damit, von dem Parkplatz geschoben zu werden.

Bis es hell wird, hat der Sturm gefühlt noch zugenommen. 55 km bis Reykjavik. Warum das ein Trost ist, weiß ich nicht, denn dort wird das Wetter kaum besser sein.

Solange wir noch auf der 47 am Fjord entlangfahren, merke ich erfreulich wenig von dem Sturm, denn er kommt ziemlich von vorne. Außerdem interessiert es hier niemanden, dass ich es nicht wage, schneller als 40km/h zu fahren. Wir sind die einzigen hier.

Auf der 1 aber wird es schlimm. Ich fange an, das Lenkrad auszuwringen. Der Wind knallt von der Seite gegen mein Auto, die Straße ist viel befahren, denn die „Metropole“, in und um die herum Zweidrittel der knapp 400 000 Isländer wohnt, liegt nur noch wenige Kilometer weit weg.

Tut mir leid, aber ich kann den Isländern auch nicht helfen, wenn sie darüber schimpfen, dass ich zu schissig bin, schneller zu fahren. Wenn immer es geht, lassen wir die Schlange hinter uns passieren.

Reykjavik hat 150 000 Einwohner. Noch einmal so viele wohnen im Umland. Aber welche Stadt dieser Größenordnung hat bei uns 6-spurige Straßen, auf denen sich Stoßstange an Stoßstange die Blechlawinen hindurchquälen? Gefühlt muss hier jeder Isländer drei Autos haben, die er alle gleichzeitig auf die Straße bringt. Anders kann ich mir diesen Verkehr nicht erklären.

Aber immerhin erreichen und finden wir das Perlan-Museum auf Anhieb. Eigentlich ist es ein riesiger Warmwasserspeicher, bestehend aus sechs Türmen. Von hier aus wird die Stadt mit natürlichem Heißwasser versorgt – aufgeheizt in den Tiefen der Erde.

Da solche Türme nicht gerade Schmuckstücke in der Landschaft sind, hat ein Künstler eine gläserne Kuppel darüber gebaut, unter der sich das Museum befindet.

Dort geht es vor allem um die geologische Geschichte und Entstehung Islands, aber auch um Fauna und Flora. Die Wikinger spielen hier eher kaum eine Rolle.

Hauptattraktion ist aber der Gletschertunnel. Er besteht aus originalem Gletschereis, das bei den Minus zehn Grad auch keine Chance hat zu schmelzen – im Gegensatz zu den Gletschern in freier Natur. Das ist natürlich ein Thema, das in dem Museum einen breiten Raum einnimmt. Uns ist nicht wohl bei dem Blick in die Zukunft. Der erste isländische Gletscher, lese und sehe ich, hat seinen Gletscherstatus bereits verloren. Er besteht nur noch aus einem winzigen Fleckchen Eis. Jemand hatte die Idee, ihm dort, wo es ihn einmal gab, eine Gedenktafel zu setzen – für die späteren Generationen.

In diesem Eistunnel ist es nicht nur bibbernd kalt. Wir müssen teilweise fast kriechen. Um uns herum knackt es verdächtig. Wir blicken nach oben und unten in eine Gletscherspalte. Die Simulation scheint gut zu sein, und ich nehme sie als Ersatz für die ausgefallene, echte Gletschertour.

Draußen haben weder Regen noch Sturm nachgelassen. Was ist das für ein Wetter!

Wir finden den Campingplatz, recht zentral gelegen. Riesengroß und fast leer. Einfach ein rechteckiger Platz. Fertig. Das Sanitärgebäude dreckig. Unsere Toiletten können wir nirgendwo auskippen. Wassernehmen ist auch nicht vorgesehen. Zum Bezahlen braucht es einen 100m-Spurt durch Pfützen bis zur Jugendherberge.

Rundherum Sportplätze, von denen bis 22 Uhr Musik herüberschallt – bzw. Krach, den man wohl für Musik halten soll. Überall grelles Licht. – Grauenvoll, dieser Platz. Aber wenigstens ist er teuer.

Ich will zurück in meine Einsamkeit.

Am nächsten Morgen sind Regen und Sturm weg, als habe es sie nie gegeben. Also auf in die Stadt. Das sind ungefähr 3km. Endlich mal wieder ein Grund, die Räder vom Auto zu holen.

Die sind allerdings gut verpackt unter einer dicken Dreckkruste. Gut, schnell mal mit Wasser drüber. Muss ja nicht schön sein.

Nur – das Tretlager meines Fahrrades bewegt sich nicht. Das liegt nicht nur daran, dass meine nagelneue Kette hoffnungslos verrostet ist. Sie ist auch abgesprungen, hat sich fast einen Knoten gebunden und irgendwo festgeklemmt. Mein Tribut an die buckligen Gravelroads. Unglaublich! Das gab es nach einem halben Jahr Kanada nicht, obgleich auch dort die Pisten teilweise heftig waren.

Wieder rauf mit dem Rad aufs Auto. Wir wollen einen Fahrradladen suchen. Wir finden keinen. Fahrräder kaufen kann man. Reparieren – nein, danke.

Gut, dann nicht. Dann eben nur Karamba. Damit löst sich zwar der Rost, aber nicht der Knoten und der Kette, die auch nicht freiwillig zurück auf das Zahnrad springt. Das Fahrradproblem wird vertagt.

Dort im Hafen gibt es noch die Film-Show „Fly over Iceland“. Ein Österreicher hatte uns davon vorgeschwärmt.

Wir bekommen von Norberts Freunden zu Hause den Tipp, uns ja rechtzeitig online die Tickets dafür zu bestellen. Mindestens aber schon Stunden vorher dort zu sein. Der Ansturm sei gewaltig.

Wir nehmen das gelassen und fahren einfach hin. Leerer Parkplatz. Keine Schlangen. Die Mitarbeiter stehen sich gelangweilt die Füße platt.

Norbert und ich erhalten eine Extravorstellung. Nur wir zwei. Unglaublich.

Dann fliegen wir mit dem Helikopter über Island. Angeschnallt. Natürlich bewegen wir uns nicht, aber bei diesen Rundherum-Filmen verliert man die Orientierung und man glaubt, tatsächlich in die Schluchten und über die Berge und Gletscher zu fliegen.

Diese isländischen Naturschönheiten von oben zu erleben ist wirklich großartig. Leider aber ist den Leuten wohl der Kirmes-Effekt wichtiger als die Präsentation dieses schönen Landes. Ich hätte mit dem Helikopter nicht mit einem Wahnsinnstempo in die Tiefe stürzen oder fast senkrecht hinauf katapultiert zu werden brauchen. Für mich hätte es gerne langsamer gehen können, um wirklich diese Schönheiten zu genießen. 

Weil es inzwischen wieder regnerisch und windig geworden ist, sehen wir uns die Stadt mit dem Auto an. Ich muss gestehen, dass ich nicht ein einziges Foto, nicht eine Sekunde Film von Reykjavik mache. Ich finde keine Motive.

Es gibt einige Hochhäuser, breite Straßen, zu viele Autos, kaum Menschen, keinen Charme, langweilige Altstadt – nichts, dass uns gefällt oder besonders vorkommt. Reykjavik ist einfach nur eine Stadt. Aus.

Kann sein, dass wir einen falschen Blick haben. Kann sein, dass es nur am Wetter liegt.

Allerdings spielt sich das Leben wohl dort ab, wo wir sowieso nicht hingehen. Wir erfahren, kaum dass wir die Stadt verlassen haben, dass die Corona-Zahlen in Reykjavik in die Höhe geschnellt sind und nun alle Feier- und Partystuben geschlossen sind. Restaurants auch. Genau wie jede Pinte. – Gut, dass wir all das nicht besucht haben.

Wir wollen auf den sogenannten „Golden Circle“. Klar, schließlich sind wir Touristen. Dazu führen die Reiseführer jeden auf der 1 nach Norden, dann rechts ab auf die 36, zunächst bis nach Þingvellir.

Warum? Wieso erfahre ich nichts über die 435, die quer über das hohe Mosfellsheiði führt? – Keine Ahnung. Ich will sie fahren.

Wir haben das nicht bereut. Diese Landschaft dort, mit ihren dicht an dicht und irgendwie kreuz und quer verlaufenden Berge, Täler und Schluchten in engster Reihenfolge scheint nicht von dieser Welt.

Und wir erkennen sie wieder: Dies hier haben wir gestern bei „Fly over Island“ gesehen. Nun erleben wir diese großartige Landschaft von unten. Dass die Straße dabei Steigungen von bis zu 17% hat, spielt überhaupt keine Rolle. Kurven erst recht nicht, denn die zeigen nur immer neue, atemberaubende Ausblicke. Um dies hier sehen zu dürfen, könnte sie von mir aus auch eine Schotterstraße und viel länger sein.

Aber sie ist befestigt. Dennoch kommen uns keine fünf Autos entgegen. Eine lange Strecke führt ziemlich geradeaus, geht lediglich rauf und runter.

Ich habe den Eindruck, diese Straße existiert nur, weil hier das Versorgungsrohr mit dem heißen Wasser nach Reykjavik verläuft und natürlich erstmal verlegt werden musste. Das Rohr verläuft fast immer gleich neben der Fahrbahn. Verschwindet nur selten und kurz in einem Berg.

In Þingvellir haben nicht nur die Wikinger vor über 1000 Jahren ihren Thing abgehalten und so etwas wie Demokratie und Mitspracherecht für alle ins Leben gerufen.

Hier verläuft auch eine Bruchstelle zwischen der amerikanischen und der eurasischen Erdplatte. Die Erdspalte ist gut sichtbar, tief und mit glasklarem Wasser gefüllt. Tauchen und Schnorcheln für viel Geld erlaubt. Es gibt Leute, die sich auch von dieser Kälte nicht davon abhalten lassen.

Der knappe Zentimeter, um den die beiden Kontinentalplatten hier jährlich auseinandergedrückt werden, spürt niemand, versichert mir ein Ranger, mit dem ich mich dort unterhalte. Das Land hier senke sich, und genau hier sei Niemandsland. Nicht Amerika. Nicht Europa. Amerika beginne dort an dieser hohen Felswand. Genau jene, vor der die Wikinger ihren Thing abgehalten haben.

So ganz genau verstehe ich das mit dem Niemandsland nicht. Nur, weil es irgendwann im Wasser verschwunden sein wird? Wieso ist denn nicht genau diese Spalte auch die Grenzlinie der beiden Erdplatten? – Egal, für mich ist dies ein ganz besonderer und beeindruckender Ort.

Nächste Station am Golden Circle ist der Geysir. Obwohl DER Geysir inzwischen nur noch ein regloses Wasserloch ist. Sollte er sich mal bewegen, dann schieße seine Fontäne über hundert Meter hoch. Aber er muckt sich nicht mehr.

Aber ein anderer tut das regelmäßig alle 12 Minuten. Jedenfalls als wir hier sind. Aber nur ganz kurz. Einmal plötzlich puffen, etwa 20 Meter hoch. Ohne Vorwarnung. Fertig.

Wir haben Glück, denn wir erwischen eine Regenpause, um den Geysir zu erleben. Sturm jagt auch heute wieder übers Land.

Ganz schlimm wird er am Gullfoss – einem herrlichen Wasserfall, breit und mächtig, der im Grunde aus zwei Wasserfällen besteht, die fast rechtwinklig zueinanderstehen. Die Schlucht, in die diese gewaltigen Wassermassen stürzen, ist erstaunlich schmal. Die Gischt großartig. Der Sturm fetzt sie weg.

Dann erwischt die Sonne plötzlich für zehn Sekunden ein Wolkenloch und gleich bildet sich ein Regenbogen über der Gischt. Es ist nur ein ganz kurzer Moment. Ich hoffe, ich war schnell genug mit meiner Kamera.

Es stürmt inzwischen so sehr, dass wir kaum richtig laufen können und sind schon für die Regenpause dankbar.

Wir stehen mit unseren Autos auf dem unteren Parkplatz, mitten im Parkverbot, mit Blick auf den Wasserfall. Ich beobachte die wenigen Besucher (ich sehe keine zehn Leute auf einmal), die sich tapfer gegen den Sturm stemmen und vermutlich froh sind, wenn sie wieder heil ihr Auto erreicht haben.

Wir haben sieben Grad. Das allein ist schon nicht warm, aber der starke, kalte Nordwind lässt jeden noch mehr zittern.

Es wird gleich dunkel. Die Besucher bleiben jetzt ganz aus. Wir wollen die Nacht hier verbringen und hoffen, nicht wegzufliegen. Keine Ahnung, ob der Sturm noch zunimmt.

Ich hoffe für morgen auf etwas besseres Wetter, heißt, auf weniger Wind, damit ich hinuntergehen kann bis auf den kleinen Schotterplatz zwischen den beiden Fällen.

Jetzt bin ich froh, im Auto zu sein.

P.S. Heute morgen gießt es in Strömen und auch der Sturm ist wieder da. Das war es dann mit meinem Gang hinunter an den Wasserfall.