Unsere Island-Reise 2020, Teil 8

8. Islandbericht – Vik, 25. September, 2020

von Renate Neuber

Sturm und Regen am Gullfoss nehmen immer heftigere Formen an. Hier können wir allerdings nicht bleiben, um dieses Wetter auszusitzen. Irgendeine Rangerin meinte, das ginge nicht.

Also fahren wir los. Der Wind kommt aus Nordost, also zunächst mal so ziemlich von hinten. Das geht ganz gut, solange wir auf der 35 und der 30 sind.

In Selfoss biegen wir Richtung Westen auf die Ringstraße 1. Jetzt drückt der Sturm von rechts. Der Regen knallt im spitzen Winkel gegen unsere Autos. Waren wir auf der 35 und 30 fast alleine unterwegs, ist der Verkehr hier ausgesprochen rege. Das nervt. Ich juckel nie mit mehr als 40 km/h, wofür die PKW-Fahrer erwartungsgemäß kaum Verständnis zeigen. Wenn immer es geht, lassen wir die Schlage hinter uns passieren.

Mir tun die Handgelenke vom verkrampften Festklammern des Lenkrades weh. Dann wird die Straße 4-spurig. Welch eine Wohltat! Aber es geht bergauf. Lange. Bis 400 Meter Höhe. Und dort pfeift der Sturm dann so richtig und drückt von rechts gegen mein Auto.

Auf der 1 gibt es digitale Anzeigetafeln, die Temperatur und Windgeschwindigkeiten angeben. Rot knallt mir 22 m/sec entgegen. Das Rot allein macht schon keinen beruhigenden Eindruck. Ich rechne die Geschwindigkeit um und komme auf etwa 80 km/h. Ganz großartig! Ob die Böen dabei berücksichtig sind, weiß ich nicht.

Was uns in sechs Monaten Kanada nie passiert ist, erleben wir heute jeder gleich zweimal: Mit lautem Getöse reißt es uns die Antennen vom Auto, über die wir Sprechkontakt halten.

Eigentlich will ich Reykjavik umfahren und gleich auf die 41 weiter nach Westen abbiegen. Keine Spur mehr davon. Wer hätte gedacht, dass wir diesen scheußlichen Campingplatz in Reykjavik mal als rettenden Hafen herbeisehnen würden!

Die 41 bringt uns bei zunehmendem Wind und aufkommendem Regen auf die Halbinsel Reykjanes. Es ist nur ein zynischer Trost, dass die Nacht windstill und trocken war.

Reykjanes scheint aus einem einzigen Lavafeld zu bestehen. Alle Stadien der Verwitterung zeigen sich hier, meistens mit Moos bewachsen.

Die Nordküste reiten wir einfach ab. Hier gibt es nur größere Orte und viel Wirtschaft. Erst als wir auf der 45 entlang der Küste nach Süden fahren, möchte ich unbedingt mal einen Blick auf den bei diesem Sturm aufgebrachten Atlantik werfen.

In Stafnes gelingt es endlich, weil es dort einen Leuchtturm gibt. Aber nichts ist umsonst, auch nicht der Gang ans Meer. Als die holprige Straße endet, sind es noch etwa 200 m bis zum Turm und Wasser am fernen Ende einer aufgeweichten Wiese. Wir warten auf eine Regenpause und spurten hin. Geht gut, der Wind treibt uns. Nasse Füße können wieder trocknen.

Das Meer ist fast weiß, so dick liegt der Schaum auf den hohen Wellen. Es ist ein wunderbarer Anblick. Er endet abrupt, als es anfängt zu regnen. Nein, es ist Graupel, der uns bei dem Kampf gegen den Sturm zurück zum Auto schmerzhaft ins Gesicht schlägt.

Weiter im Süden ein unscheinbares Hinweisschild mit roter Aufschrift auf Isländisch. Das ist nicht wirklich aufschlussreich. Wir folgen dem Hinweis und landen nach kaum 100 Metern schon auf einem kleinen Parkplatz.

Von hier aus sehe ich nur ein kreisrund verlaufendes Gitter. Ist was für später. Die dürftigen 5 Grad locken nicht unbedingt hinaus in den Sturm. Jetzt wird erstmal Mittag gemacht.

Dann siegt doch meine Neugier. Ich will zumindest mal gucken, was auf der Tafel steht.

Ich kann es nicht fassen: Auch hier verläuft die Kontinentalspalte zwischen Nordamerika und Eurasien. Der kurze Fußmarsch lässt aus dem mir rund erschienenen Gitter eine Brücke werden. Eine Brücke zwischen Nordamerika und Europa. Großartig! Unter mir Lavaasche. Kein Wasser.

Ich marschiere also gemütlich von Europa nach Amerika und zurück. Das ist ein lustiges Gefühl. Überhaupt finde ich diesen Teil der Kontinentalspalte viel eindrucksvoller als den in Þingvellier.

In Sichtweite von hier dampft ein Hochtemperaturfeld, das auch Reykjavik mit heißem Wasser versorgt. Riesige Kraftwerke machen das möglich.

Für uns verlaufen hier brave Holzstege, die man besser auch nicht verlässt, denn überall brodelt und zischt es. Leider aber ist der Sturm lauter als diese Geräusche aus dem Erdinnern.

Ich wollte ja nie zur Blauen Lagune, weil da jeder hinfährt. Weil sie schon Wochen vorher ausgebucht ist. Weil man nur online reservieren kann. Weil da viel zu viele Menschen sind.

Heute ist kaum jemand da. Der riesige Parkplatz vor der Lagune ist so groß wie zwei Fußballfelder. Ich zähle 16 Fahrzeuge. Covid 19 schlägt auch hier zu. Keine Schlange am Eingang. Überall dasselbe Bild.

Gut für uns. Als ich die türkisblaue Lagune sehe, eingebettet in Lavafelsen und mich in das etwa 38 Grad warme Wasser gleiten lasse, bin ich schlagartig ein Fan dieser Einrichtung.

Wie großartig ist das denn! Es wirkt alles so, als sei die Lagune ein natürlicher See. So passt sie sich in vielen Nischen und Windungen in die Lavalandschaft ein. Und es ist Salzwasser, aus 2000 Metern hochgedrückt. Dort unten hat das Wasser noch eine Temperatur von 240 Grad. Auf dem Weg nach oben nimmt es viele Sedimente und auch Algen mit, die dem Wasser diese türkise Farbe verleihen.

Den kalten Wind spüre ich nicht am Kopf. Meine Haare haben eine seltsame Konsistenz erhalten, liegen wie eine Kappe auf meinem Kopf, trocknen auch nicht und lassen keinen Windhauch durch. Das ist angenehm.

Im Preis inbegriffen ist eine Selikon-Maske. Na gut, die schmieren wir uns ins Gesicht. Schadet ja nichts. Und dann gönnen wir uns jeder ein Glas Weißwein aus der Poolbar (auch im Preis inbegriffen).

Was ist das für ein Leben! Ich muss mich kneifen.

Es wird dunkel. Weiß und dicht wabert der Dampf in der diskreten Beleuchtung auf und über dem Wasser. Es scheint unwirklich und romantisch. Ich sehe keinen anderen mehr. Sind die beiden patrollierenden Lifeguards nur noch für mich da? Fast bin ich erleichtert, als ich nach einer Weile noch ein Pärchen entdecke.

Ich lege mich auf den Rücken, sehe durch den Dampf zum schwarzen Himmel hinauf und finde, dass ein Nordlicht jetzt genau richtig käme.

Es kommt kein Aurora. Ist sowieso viel zu bewölkt. Trotzdem fällt es mir schwer, das Bad gegen 21 Uhr endlich zu verlassen.

Was ich nie für möglich gehalten hätte: Am nächsten Tag gehen wir gleich noch einmal in die Lagune. Wahnsinn. Und das bei – kaum zu glauben – Sonnenschein und Windstille!

Dann ist aber Schluss mit Faulenzen und Treibenlassen. Die Sonne scheint schon wieder, auch wenn es nur 5 Grad sind. Bei dem nur lauen Wind ist das ein wunderbares Wetter.

Weiter auf der 42 geht es durch endlose Lavafelder.

Das Hochtemperaturfeld Seltún an der 42 ist nicht riesig. Dennoch –  hier platzen heiße, braune Schlammblasen, ein Stück weiter brodelt herrlich klares Wasser, daneben zischt und faucht es aus Steinhaufen und Löchern. Der Boden rundherum schimmert in allen erdenklichen Farben, die die Sonne wunderbar zum Leuchten bringt.

Wir fahren weiter nach Norden am Kleifarvatn entlang. Pechschwarze Lavafelsen links, der blaue See rechts. Dann endlich mal ein Parkplatz, von dem aus wir in Ruhe genießen können. Aber nix da. Dieser und der nächste Platz sind besetzt von den LKW einer Filmgesellschaft, die da unten am Wasser wichtige Dinge dreht. So wichtig, dass es mir verboten wird, meine Kamera in Richtung der Filmfuzzis zu richten. Die sind mindesten 400 Meter weit weg. Was soll ich da spionieren! Aber um das Verbot durchzusetzen, haben die extra eine wichtige Tante auf den Parkplatz gesetzt, die mit Argusaugen über die Einhaltung wacht.

Wir fahren zurück nach Süden auf die 427. Am Horizont tauchen die vergletscherten Gipfel der Hochgebirge auf, die in der Sonne majestätisch leuchten.

Um näher an sie heranzukommen, verlassen wir die 34, biegen auf die 33 Richtung Norden ab. Ein Stück nach Osten auf der 1, dann auf die 30, und schließlich bringt uns die 32 an den Hjalparfoss. Dieser zweigeteilte Wasserfall lässt sich von Parkplatz aus hervorragend bewundern. Das ist vorteilhaft bei nur 3 Grad und einem eisigen, steifen Wind. Da nützt auch die klare Sonne nichts. Ich bleibe im Auto.

Weiter auf der 32 sehe ich die Berge unter einer dünnen Schneeschicht liegen. Die stammt ganz sicher nicht vom letzten Winter. Hier muss es geschneit haben.

Schließlich geht es bergauf. Für uns ist dann bald Schluss, denn am nächsten Anstieg blinkt und blitzen mich auf der Fahrbahn Eis und glitzernder Schnee an. Sieht in der Sonne ja ganz nett aus, aber für mich und uns ist es das Aus. Hier fahre ich nicht weiter. Keine Ahnung, wie hoch die Straße noch führt und wie verschneit und vereist sie noch werden mag.

Kein Zaudern. Umdrehen. Zurück. Ich bin sauer, denn ich wollte über die 26 zurück auf die 1 fahren.

Gut, dann haben wir mehr Zeit für das Lava-Center in Hvolsvöllur, ein Museum, in dem man alles über Vulkane und Gletscher interaktiv erfahren kann. Ganz neu, erst 2018 eröffnet.

Das Lava-Center hat geschlossen. Warum, erfahren wir nicht. Nur das Internet sagt uns, dass die Schließung dauerhaft ist.

Der Seljalandsfoss wird nicht geschlossen haben, denn Wasser fließt immer. Das Besondere an ihm ist, dass man hinter ihm hergehen kann. Bei diesem Sonnenschein muss es ein herrlicher Anblick sein, einen Wasserfall von hinten zu sehen.

Vermutlich ist das auch so. Ich kann es nicht herausfinden, denn der Weg, der leicht bergauf hinter den Fall führt, ist durch Gischt und Kälte spiegelglatt vereist. Ihn dennoch zu gehen ist die Fahrkarte ins Krankenhaus. Ich sehe ein Paar, das sich gerade Spikes unter die Schuhe schnallt.

Auch den breiten Skodafoss erleben wir im Sonnenschein. In seiner Gischt wachsen zwei fast perfekte Regenbögen.

Man kann ihn auch von oben betrachten. Davon trennen uns schlappe 527 Stufen. Klar, die nehmen wir.

Wir galoppieren nicht gerade hinauf, aber kommen oben an. Dort finden wir noch einen zweiten Wasserfall. Der ist eher der kleine Bruder des großen Skodafoss, aber er ist wunderschön, wenn er in zwei Stufen die Felsen überwindet.

Der Sólheimajökull ist ein Gletscher, der vom Parkplatz aus gut zu Fuß zu erreichen ist. Darf man aber nicht. Jedenfalls nicht alleine. Da gibt es Anbieter, die die Touris vorschriftsmäßig mit Pickel und Spikes ausrüsten, damit sie nicht auf die Nase fallen.

Wir gehen recht in der Annahme, dass sich dort in Coronazeiten und dann noch außerhalb der Saison nichts dergleichen abspielen wird. Das Gebäude der Touranbieter liegt wie tot. Überhaupt sind wir anfangs die einzigen hier am Gletscher.

Wir laufen noch bis hinunter ans Wasser und betrachten die Eisberge. Sie sind genau wie der Gletscher mit einer Schicht aus Lavastaub überzogen und wirken schmutzig. Ich nehme mal an, vor 20 oder 30 Jahren lag dieses Tal noch unter dickem Gletschereis.

Wir fahren weiter auf der Ringstraße 1 nach Osten. Eine andere Straße gibt es in dieser Richtung nicht. Wir nehmen uns die Zeit und biegen in die 218 und später auch in die 215 nach Süden ab.

Auch Islands Küste hat ihre Schönheiten. Und ganz besonders bei dem noch immer anhaltenden Sonnerschein. Nun schon der vierte Tag in Folge!

Die Felsformationen, die wir zu sehen bekommen, sind die Abstecher wert. Hier hat der aufgebrachte Ozean ein Loch in einen weit ins Meer reichenden Felsen gebohrt, dort bis auf drei schmale Felsnadeln einen anderen Felsen weggewaschen. Dazwischen ist es ihm gelungen, zwei große Höhlen in einen Berg zu treiben, dessen Hänge aus hellen, regelmäßig geformten Basaltsäulen bestehen. In den Höhlen ragen diese vier- und fünfeckigen Säulen von oben herab. Draußen verzaubern sie mit ihrem Hellgrau und ihrer perfekten Form als leuchtender Kontrast gegen den schwarzen Lavasand den Strand. Besucher gibt es auch hier nur wenige. Und es sind immer dieselben. Wir kennen inzwischen die Autos. Heute, hier auf dem Campingplatz in Vik, scheinen alle versammelt zu sein, die wir in den letzten Tagen gesehen haben. Und ich habe den Eindruck, es sind alles Deutsche.