Unsere Island-Reise 2020, Teil 9

9. Islandbericht – Höfn, 28. September 2020

von Renate Neuber

Die Sonnentage sind vorbei. Nachts beginnt es hier in Vik zu regnen. Der Tag startet gesichtslos. Wieder nichts als weißer Brei rundherum. Sichtweite vielleicht 200 Meter. Das verhagelt unser heutiges Ziel gründlich: Europas größter Gletscher, der Vatnajökull, der (noch) halb so groß ist wie Schleswig-Holstein.

This image has an empty alt attribute; its file name is 2020-10-04-at-16.14.28-1024x768.jpeg

Der Tag startet gesichtslos. Wieder nichts als weißer Brei rundherum. Sichtweite vielleicht 200 Meter. Das verhagelt unser heutiges Ziel gründlich: Europas größter Gletscher, der Vatnajökull, der (noch) halb so groß ist wie Schleswig-Holstein.

Aber er kann so groß sein, wie er will, wir werden nichts von ihm sehen, so lange wir in dieser Suppe hocken. Alle vor uns liegenden Highlights sind Naturphänomene. Die sollte man besser auch sehen können.

Kaum jemand auf diesem Campingplatz bewegt sich weg. Sie alle wollen nach Osten. Sie alle wollen dort mehr sehen als nur eine weiße Wand. Ich nehme an, sie haben sich wie wir entschieden: Sie bleiben und sitzen den Nebel aus.

Auch heute am Sonntag ist es nicht besser. Schälten sich noch Abend mühsam und verschwommen die Schemen der Berge direkt hinter uns aus dem Nebel, so sind sie heute wieder gänzlich verschwunden.

Sichtweite vielleicht 150 Meter. Es gießt wie aus Eimern.

Wir fahren los.

So ein ganz kleines bisschen wird die Sicht bald besser. Ich bin schon fast ein Minimalist geworden und freue mich über diese kleine Besserung. Immerhin kann ich sehen, wie sich rechts von mir die ersten kleineren Sander auftun – die Abflussdelta der großen und kleineren Gletscher, die den Süden Islands so einmalig sein lassen.

So sagt man. Sehen kann ich noch einmal einen Berg, geschweige denn einen Gletscher. Nur eben diese Sander. Der ganz große Sander kommt noch.

Fast 20 Kilometer geht es über den Eldhraun. An die 700 Meter hohen Felsklippen links neben uns, muss ich glauben. Nichts von ihnen kann ich auch nur ahnen.

Eldhraum heißt auf Deutsch Feuerlava. 1783/84 spukte der Laki aus130 Kratern acht Monate lang mit Lava um sich und bedeckte eine Fläche von 600 Quadratkilometern.

Der Staub verwüstete große Teile Islands – und sorgte in Europa für eine kleine Eiszeit mit mehreren Missernten hintereinander.

Die Menschen dort hatten folglich nichts zu essen, hungerten und starben vor sich hin, während in Versailles fröhlich weiter gefeiert und übermäßig gespeist wurde. Das führte nicht nur dazu, dass der Gemahlin des Louis XV, Marie Antoinette, unterstellt wird, sie habe das Hungerproblem der Bevölkerung mit einem: „Wenn die Menschen kein Brot mehr zu essen haben, dann sollen sie doch Kuchen essen.“ quittiert, sondern die fast verhungerten Franzosen waren nur zu gern bereit, ihrem König und seiner arroganten österreichischen Frau die Köpfe abzuhacken. Sprich, die Französische Revolution brach aus.

So sind es zwar nicht die „Wikinger“, die Einfluss auf die europäische Geschichte genommen haben, aber es war ihr Land.

Das heutige Lavafeld des Laki ist das drittgrößte weltweit. Diese Brockenlava sieht heute harmlos und unter seiner dicken grünen Moosschicht geradezu freundlich aus. Diese tausenden großen, mittleren, kleinen und noch kleineren Hügel mit ihren grünen Kappen, die manchmal tatsächlich wie putzige Mützen kleiner Männchen wirken, können so manchen Liebhaber seltsamer Fantasiegeschichten zu kühnen Erzählungen animieren. Auf einigen kleinen Lavabrocken wachsen Grasbüschel. Wenn Wetter, Stimmung und Phantasie passen…nun, dann werden daraus schnell die zu Berge stehenden Haare eines Trolls, inmitten seiner grün bemützten Gefährten.  – Nicht ohne Grund glauben die Isländer heimlich oder ganz offen an ihre Feen und Trolle.

Wir beschließen, die Nacht inmitten all dieser netten Wesen auf einem Parkplatz zu verbringen. Uns bleibt die Hoffnung auf morgen, die Hoffnung auf bessere Sicht, die Hoffnung, vielleicht doch noch etwas von der wunderbaren Gletscherwelt Islands zu sehen.

Am Morgen scheint die Sonne! Unfassbar. Raus aus dem Bett. Dieser Tag muss ausgenutzt werden. Die Sicht ist gut.

Aber nur hier. Ein paar Kilometer später liegen die Wolken wie festgenagelt auf den Bergen. Nichts ist von der Gletscherwelt zu sehen. Kein Blick für uns auf Europas größten Gletscher, den Vatnajökull. Nicht den Hauch von seinen Nebengletschern.

Rechts breitet sich plattes Land bis zum Atlantik aus. Das Meer sehen wir auch nicht. Es ist zu weit weg.

Wir überqueren den riesigen, pechschwarzen Sander des Vatnajökull. Hier fließen seine Gletscherflüsse ab. So wirklich viele sehe ich nicht, und die wenigen reißen tiefe Gräben in die Lavasandlandschaft.

Es ist plattes Endmoränenland. Vermutlich haben die Gletscher mal bis ans Meer gereicht. Jetzt ist daran kein Denken mehr. Die Küste liegt 20 Kilometer weiter südlich.

1974 gab es hier mal eine Brücke über die Gletscherflüsse. Damit war dann endlich die Ringstraße 1 ganz um Island herum durchgängig. Das fand die Natur mal nicht so wichtig, denn 1996 zerstörten bis zu 2000 t schwere Eisberge Brücke und Straße. – Ein Vulkanausbruch hatte diesen verheerenden Gletscherlauf ausgelöst. Ein riesiges, verbogenes Brückenteil ist heute von jedem Touri respektvoll zu bestaunen.

Fix wurde eine neue Brücke gebaut. Warum, kann ich heute nicht mehr erkennen. Sie steht da, ist 900 Meter lang und hat keine Verbindung zur Straße. Die führt nämlich 100 Meter daneben her, über einen Deich und eine kleine Brücke, unter der der Gletscherfluss durchschießt.

Wir sind am Skaftafelljökull, einem Gletscher, dessen Abbruchkante jeder Touri erreichen und anfassen kann. Macht wohl auch jeder, denn der Parkplatz ist gigantisch, und damit auch niemand vergisst, seine Parkgroschen zu bezahlen, überwachen unzählige Kameras jedes Fahrzeug.

Das wirkt wie eine Lachnummer, denn dieser überdimensionale Parkplatz, eigerichtet für Tausende, ist gähnend leer. Nicht ein einziges Fahrzeug steht dort.

Auf dem ebenfalls riesigen Campingplatz verlieren sich zwei Autos.

In dem Visitor Center treten sich mehr Mitarbeiter gegenseitig auf die Füße

Aber das Parken muss bezahlt werden. Auch Kleinvieh macht Mist. 750 IKR, etwa 4 Euro.

Bezahlen kann man die Mitarbeiter davon nicht. Geschweige denn diese Überwachungstechnik.

Wir machen uns auf zum Gletscher. Die 1,5 Kilometer werden immer länger. Der Gletscher ist früh zu sehen, kommt aber nicht näher.

Wie auch. Er verschwindet. Kein Denken daran, an ihn herzukommen. Ich gehe so weit wie möglich. Dann hindert mich ein breiter Gletscherfluss, an mein Ziel zu kommen. Vor zwei Jahren war das ganz sicher noch möglich, denn mein Reiseführer stammt aus dieser Zeit. Ein Foto dort belegt: Abbruchkante erreicht.

Demoralisiert machen wir uns auf den Rückweg. Dieser ganze Touristenaufwand am Parkplatz finde ich nur noch makaber. Dieses Jahr bleiben die Touris wegen Corona weg. Wenn die vielleicht in ein oder zwei Jahren wieder alle kommen können – dann ist der Gletscher weg. Am besten, sie packen schon mal ihre alberne Überwachungstechnik ein und bestellen die Abrissbirne für das Gebäude. Hier ist der Sturmlauf der Touristen ein für alle mal zu Ende. – Kein Gletscher, kein Touri.

Wir fahren weiter nach Osten, immer auf der Ringstraße 1 bleibend. Alternativen bieten nur diverse F-Straßen ins Hochland – leider nichts für uns, nur etwas für Allradfahrzeuge.

Die 1 führt uns um Islands höchsten Berg, den Hvannaldshnukur (2119 m) herum. Den sehen wir erwartungsgemäß nicht. Erst als wir fast vorbei sind, tun sich tiefe Täler und Schluchten auf, in denen sich seine Auslassgletscher hinabschieben.

Einer dieser Gletscher ist der Fjallsjökull. Weil auch ihm die Erwärmung der letzten Jahrzehnte zugesetzt hat, hat sein Rückzug eine Lagune freigesetzt, die mit dem Ozean verbunden ist.

Von dem auch hier vereinsamten Parkplatz laufen wir gleich hinunter zur nahen Lagune. Die Sonne steht schon tief. Nicht mehr lange, und sie verschwindet hinter den Bergen. Noch aber schenkt sie ihr warmes Licht dem Gletscher und seinen unzähligen, bizarren, großen und kleinen Eisbergen, die sich uns in der Lagune auf dem fast spiegelglatten Wasser anmutig und wunderschön präsentieren.

Die Abbruchkante des Gletschers ist zwar auch hier nicht zu erreichen, aber das wird durch dieses Schauspiel der einmaligen, sich ständig verändernden und leider vergänglichen Kunstwerke der Natur wettgemacht.

Fasziniert versuchen wir mit Kamera und Handy diese Eindrücke festzuhalten. Erst als mit der Sonne auch die Farben verschwinden, ziehen wir uns in die Autos zurück.

Es wird kalt. Keine Wolken, viele Sterne, Kälte. Daran kann auch der Vollmond nichts ändern.

Während wir in meinem Auto sitzen und irgendeinen Krimi gucken, sehe ich immer wieder aus dem Fenster.

Dann endlich! Aurora! Ich sehe, wie sie sich hinter den Bergen aufbaut, wie sich weiße Streifen über den Horizont über den gesamten Himmel schieben.

Wir spritzen nach draußen. Für die Kälte haben wir jetzt mal keine Zeit. Wir starren fasziniert in den Himmel.

Kamera her. Die nimmt aber nichts auf, weil sie die Helligkeit nicht erkennt. Das Display bleibt schwarz. Ich kenne das schon. Das ist mir Weihnachten im finnischen Lappland auch passiert: Ich kann das Nordlicht nicht filmen. Norbert hat mit seinem Handy mehr Glück.

Also stehe ich nur da und staune. Der Himmel ist bedeckt mit weißen, roten, grünen und blauen Farbschweifen, die über uns ein wehendes Schauspiel mit immer neuen Formen Farbspielereien aufführen. Die Streifen überlagern und verknoten sich, werden breiter, wachsen höher, fallen wieder zusammen, während sich an anderer Stelle eine neue Performance anbietet.

Jede Sekunde eine andere Szenerie. Und wo eben noch der Himmel dunkel war, wird er jetzt mit wehendem bunten Licht erfüllt.

Ich weiß nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Glaube immer, etwas zu verpassen von dieser großartigen Choreographie der Natur. Vom westlichen bis zum östlichen Horizont wabern ganz unbescheiden riesig die sich ständig verändernden Kreationen über das Firmament.

Es scheint hinter den Gletschern zu entstehen, als sende ein Choreograph von dort aus seine Lichter über den Himmel und dirigiere ihre Formationen.

Viermal erleben wir ein solches Schauspiel. Auf diesen riesigen Parkplatz behindert nichts unsere staunenden Blicke. Später lesen wir im Internet, dass dieses heutige Nordlicht von Alaska bis zu uns herüber gewandert ist. Daher sehen wir es im Westen entstehen und im Osten verschwinden.

So herrlich wie dieser späte Abend war, so grau, nass und hässlich ist es am Morgen. Regen. Keine Sicht. Keine Farben.

Wir wollen zur nächsten, größeren Gletscherlagune, zu der des Jökulsárlón. Schon bevor wir die Lagune erreichen, entdecken wir auf dem schwarzen Lavastrand und an der Küste im Wasser die ersten Eisberge. Der Abfluss, der die Eisberge ins Meer schwemmt, scheint nahezu verstopft von den unzähligen Eisbrocken, die sich unterschiedlich schnell trieben lassen.

In den kurzen Regenpausen versuchen wir, unsere Kameras zum Einsatz zu bringen. Leider fehlt die Sonne. Schnell erreicht uns der nächste Schauer.

Die Lagune des Jökulsárlón ist größer als die gestrige am Fjallsjökull, der Gletscher viel weiter weg, neu leider in Dunst und Nebel kaum wahrzunehmen. Auch hier taumeln die Eisberge dicht an dicht, manche glasklar, andere dunkel, die meisten weiß.

Aber es leuchtet nichts. Wie auch, ohne Sonne! Wir befragen die Wetter-App. Nein, ich halte nicht viel von ihnen, aber irgendwoher muss ich doch Optimismus tanken. Den darf ich für übermorgen haben. Donnerstag soll die Sonne scheinen – und nicht nur über den Wolken, sondern tatsächlich auch hier unten.

Wir beschließen, hier so lange zu bleiben. Dann aber ist meine isländische Gasflasche leer. Wir müssen unbedingt eine Tankstelle haben. Die nächste gibt es in 80 Kilometer Entfernung in Höfn. Wir also hin. Egal, dann warten wir eben dort zwei Tage, bis die Sonne kommt oder wir fahren gleich wieder zurück an die Lagune oder vielleicht auch erst morgen…